11.06.2020

Anstoß 24/20

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Wir wissen, ein kleines Kind braucht nicht nur Muttermilch, um zu leben, es braucht auch Liebe und menschlichen Kontakt. Es tut gut, Nähe und Begegnung zu erfahren, nicht nur als Kind.


Auch Erwachsene brauchen Liebe, Nähe, Begegnung. Sonst vereinsamt der Mensch und stirbt bereits zu Lebzeiten den sozialen Tod. In der Zeit der Coronakrise mussten Begegnungen abgesagt und untersagt werden. In Kliniken, Pflegeheimen oder zu Hause waren Besuche unmöglich. Es war eine wochenlange Isolation. Aus epidemiologischer Sicht notwendig und verständlich, vom Herzen her tut es weh, ist es ein tiefer emotionaler Schmerz. Das gilt nicht nur für Bewohner von Pflegeeinrichtungen, sondern auch für das Personal und die Angehörigen. Kinder und Eltern konnten sich monatelang nur mit Abstand sehen. Wir haben uns an 1,5m Abstand gewöhnen müssen, sowie an den Verzicht wohltuender Umarmungen beim Abschied. Abstand ist angesagt, Nähe ist abgesagt. Gleiches gilt auch für die Liturgie, Nähe nur auf 1,5m erlaubt, kein Friedensgruß, kein Händereichen und keine Begegnung auf dem Vorplatz der Kirche. All das, was unser christliches Leben auszeichnet, was zu unserer Lebensart gehört: abgesagt. Vom Kopf her verständlich, aber mein Inneres möchte etwas anderes.
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, so eine Aussage des Philosophen Martin Buber. Ich möchte ihm weiterhin zustimmen und mich nicht an den Abstand gewöhnen. Ja, ich erinnere mich noch an wunderbare echte Begegnungen, die uns in Erinnerung bleiben, in der Familie oder in einer Freundschaft – Momente, Begegnungen, die kostbar und wertvoll sind. Das sind Momente des Glücks. Sie zu erleben ist ein Geschenk.

Alles wirkliche Leben ist Begegnung, das gilt in besonderer Weise für die Begegnung mit Gott. Hier ist kein Abstand nötig, wir gehören zum selben Hausstand. Er ist und bleibt mir nahe. Ich darf ihm ganz nahe sein und begegnen, bis hin zur Kommunion. Diese göttliche Begegnung ist mir wichtig, ebenso wie die Menschliche in Natur und Kultur. Es gibt all dieses, hoffentlich, bald wieder.
 
Pater Josef kleine Bornhorst, Leipzig