03.11.2022

Anstoß 44/22

Weites Herz – offene Augen

Jesus war mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem und kam nach Jericho. Da saß ein blinder Bettler, Bartimäus, am Straßenrand und rief: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“


Von allen Seiten fuhren die Leute ihn an, er solle still sein. Doch Jesus blieb stehen und sagte: „Ruft ihn her!“ Sie riefen ihn, der Mann warf seinen Mantel ab, sprang auf und kam. „Was möchtest  du von mir?“, fragte Jesus. „Ich möchte sehen können“, antwortete der Blinde. Da sagte Jesus zu ihm: „Geh nur. Dein Glaube hat dich gerettet.“ Im selben Augenblick konnte der Mann sehen, schloss sich Jesus an und folgte ihm.
Hier hat ein Blinder den Durchblick. Am Beginn der Geschichte sitzt Bartimäus an der Stadtmauer. Und es gibt vieles, was einen Blinden wie eine Mauer von der Welt der Sehenden trennt. Aber die vermeintlich Sehenden nehmen auch vieles nicht wahr. Für sie ist der Blinde nur eine unbedeutende Randgestalt. Ist Jesus nicht zu ihnen gekommen, den guten Menschen auf dem rechten Weg? Er kommt doch nicht zu denen, die im Abseits sitzen. Denn die haben sie selbst ja nicht im Blick. Auf diesem Auge sind sie blind.
Bartimäus denkt gar nicht daran, die Rolle der Randgestalt weiterzuspielen. Er legt seine ganze Hoffnung auf Jesus. Von ihm hatte er gehört, dass er Lahme, Taube, Blinde und Aussätzige heilt, ja, dass er sogar Tote auferweckt. Als Jesus tatsächlich an ihm vorbeiläuft, schreit er laut: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Bartimäus ist der erste, der Jesus als Sohn Davids anspricht. Sohn Davids ist die Bezeichnung für den kommenden Messias. Es ist eine perfekte Überraschung: Bartimäus kennt das Geheimnis Jesu und Jesus fragt: „Was willst du, dass ich dir tue?“
Warum diese Frage? Das müsste Jesus doch wissen. Eigentlich ist diese Frage viel wichtiger für all die Umstehenden. Bartimäus weiß, was er will und Jesus weiß, was Bartimäus braucht. Den Wunsch versteht er mit dem Herzen. „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.“ Jesus legt ihm nicht die Hand auf, berührt nicht seine Augen.

Für dieses Wunder reicht der Glaube des Blinden, der weiter und heller sieht als alle um ihn herum. Jesus macht es kurz und knapp. Weil diejenigen, die mit dem Herzen sehen, nicht viele Worte brauchen.
 
Guido Erbrich, Biederitz