14.10.2021

Anstoß 41/21

(Un)Überbrückbar?

„Hiatus“ – ein klangvolles Wort, dass vor Jahren im Kontext meiner Abschlussarbeit meine Aufmerksamkeit gefesselt hat.


Das betreffende Zitat (selbstverständlich mit ordentlicher Quellenangabe) hätte ich gern irgendwie untergebracht. Beim heutigen Lesen bin ich froh, dass ich angehalten wurde, den Gedanken drumherum mit eigenen Worten wiederzugeben. So verstehe ich noch, worum es ging.
Aber jetzt kam mir das Wort aus anderem Grund in den Sinn und brachte mir zunächst die Erkenntnis, dass es – so das Wörterbuch – gar nicht vordergründig theologisch, sondern viel häufiger medizinisch in Gebrauch ist, außerdem auch noch linguistisch, geologisch, musikalisch, prähistorisch.
Lücke, Spalte, Kluft, Abgrund, klaffende Öffnung – so die Bedeutungspalette des Wortes aus dem Lateinischen.Mein Studientext kreiste um den Abgrund zwischen Gott und Mensch, den Gott durch Jesu Menschsein, Tod und Auferstehung zu überwinden sucht. Das Fremdwort sollte die Dramatik des Geschehens untermauern.
Und genau diese Steigerung war mein Anknüpfungspunkt. Beim Lesen der äußerst spannungsgeladenen Meinungs- und Kommentarvielfalt um diverse Streithemen von heute: angefangen bei Coronaschutzmaßnahmen, über Klimaschutzfragen oder Geschlechter(un)gerechtigkeit, bis hin zum Ringen um Zukunftswege für die Kirche beim Synodalen Weg. Alles Bereiche, wo sich Spalt(ung)en und Abgründe zeigen, wenn man den Kommentaren unter den jeweiligen Meldungen folgen würde – manchmal selbst hier in der Kirchenzeitung. Angesichts der Vehemenz, mit der andere Meinungen und Menschen, die sie vertreten und teilen, abqualifiziert und herabgewürdigt werden, tun sich allerdings (menschliche) Abgründe auf, die erschrecken und ratlos machen.

(Un)überwindbare Abgründe? Jedenfalls kommt die Frage auf, ob und was da noch zu retten ist an Verständigung in Gesellschaft und Kirche.Das bringt mich letztlich zur Fundstelle „meines“ Hiatus-Wortes zurück und zur Frage, ob und welche Chance wir haben, unsere „Abgründe“ zu überbrücken – wohl nach wie vor nur die eine: mit Gottes Hilfe – und immer wieder mit allen Menschen guten Willens, die mit offenen Augen und wachen Herzen auf andere zugehen.
 
Angela Degenhardt, Sangerhausen