23.01.2020

Anstoß 4/20

13 Frauen

13 Frauen – eine von ihnen hat den sprichwörtlichen Hut auf. Während ich das hier so hinschreibe, fällt mir die Analogie auf. 13 Männer, und einer von ihnen hat den Hut auf. Klingt nach Jesus und den zwölf Aposteln.


Doch wer jetzt meint, ich wollte hier ein Pendant konstruieren, der irrt. Ich möchte hier erzählen von 13 Frauen, von denen ich eine war. Die mit dem Hut auf war die Leiterin eines Schreibworkshops, eine freie Autorin aus Hamburg, die viele tolle Bücher und andere Sachen geschrieben hat und es weiterhin tut.
Wir trafen uns im Münsterland, im Benediktshof. Es fing schon damit ungewöhnlich an, dass jeder Essen für Frühstück und Abendbrot für die vier Tage mitbringen sollte, und zwar solches, von dem man sich vorstellen könnte, dass es auch den anderen schmeckt. Und Hausschuhe oder dicke Socken. Dass dies nicht nur dazu dient, die Holzfußböden zu schonen, gehört mit zu meinen Erkenntnissen dieser Tage. Es macht etwas mit dir, innerlich, wenn du dich (eine Zeit lang) deiner Schuhe entledigst.
Kurz nach unserer Ankunft ging es los. Zwölf Frauen (plus die Eine), die sich untereinander nicht kannten, aus verschiedenen Regionen der Bundesrepublik kamen, von denen sich die einen Gott nahe und die anderen weniger nahe fühlten, katholisch oder evangelisch, die Jüngste 39 und die Älteste 71 Jahre alt war. Dazwischen die Eine, die uns Lernwilligen und Schreibbegierigen wertvolle Impulse und Hilfestellungen gab, uns einiges abverlangte, Kritik an manchen Texten wie einen wärmenden Mantel umhängte und dabei ganz und gar nicht „die mit dem Hut auf“ herauskehrte.

Es ging gleich in die Vollen. Schreib eine Statusbeschreibung von dir, wie es dir jetzt gerade geht. Fünf, sechs Zeilen. Mehr nicht. Nach wenigen Minuten ist Schluss. Und dann liest jeder vor (freiwillig). All den anderen, die du eigentlich noch gar nicht kennst. Alle lesen. So geht es weiter all die Tage. Wir schreiben unglaubliche Geschichten. Von denen wir nicht wussten, dass sie in uns sind. Lesen sie uns gegenseitig vor, und schaffen etwas, was uns verbindet: Nähe. Niemand muss sich beweisen. Wir teilen unser Essen (es bleiben zwölf Körbe übrig) und noch sehr viel mehr. Für mich war das eine Erfahrung von Kirche. So wie ich sie mir wünsche.
 
Andrea Wilke, Erfurt