10.05.2018

Serie „Katholisch in Brandenburg“

Liebe an einem Ort der Hölle

In der Serie „Katholisch in Brandenburg“ hat die Reise an die Ränder die Oberhavel erreicht. Anlässlich des Kriegsendes am 8. Mai vor 73 Jahren führt sie nach Ravensbrück, einen Ort des Gedenkens und der Verantwortung, mit dem die Pfarrei St. Hedwig Fürstenberg in besonderer Weise verbunden ist.


Gedenkgottesdienst in polnischer Sprache vor dem Zellenbau mit Bronisław Dembowski, Bischof em. von Włocławek und Henryk Wejman, Weihbischof in Stettin-Cammin. | Fotos: Marina Dodt



„Jedes Lagerkind hatte Lagermütter, ich hatte sieben. Meine deutsche Mutter hieß Klara, sie war es, die mir vom Tod meiner leiblichen Mutter erzählte: Stella, deine Mutter haben sie verbrannt. Diese Worte nahm ich ruhig hin, ich konnte ihre Bedeutung einfach nicht verstehen. Aber als ich sie verstand, wurde dieser Tag der schrecklichste meines Lebens. Ich war sieben Jahre alt, aber mir ist, als wäre es gestern gewesen.“
Nein, diese grausamen Erinnerungen des Häftlingskindes mit der Nummer 25622 stammen nicht vom gestrigen Tag. Die Hölle begann vor 79 Jahren, als die SS in Ravensbrück, einem heutigen Ortsteil der Stadt Fürstenberg/Havel, das größte KZ für Frauen auf deutschem Reichsgebiet errichten ließ. Bis 1945 waren hier etwa 120 000 Frauen und Kinder, 20 000 Männer und 1200 junge Mädchen aus über 30 Nationen inhaftiert, Zehntausende fanden den Tod. Am 30. April 1945 befreite die Rote Armee das Lager. Der 73. Jahrestag wurde am 22. April mit einer zentralen Gedenkveranstaltung begangen, unter anderem mit der Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie des Landes Brandenburg, Diana Golze, der Gattin des Präsidenten der Republik Polen Agata Kornhauser-Duda und dem Bürgermeister von Fürstenberg/Havel, Robert Philipp. Besonders bewegend war dabei das Zeugnis des ehemaligen Häftlingskindes mit der Nummer 25622, der heute 78-jährigen Stella Nikiforowa aus St. Petersburg, die für das Internationale Ravensbrück-Komitee sprach.

Statt Hass auf die Täter – Liebe für die Retterinnen
Die kleine Stella, Tochter spanischer Juden, war vier Jahre alt, als sie in das KZ Ravensbrück kam. Nach der Ermordung ihrer Mutter kümmern sich andere Häftlingsfrauen um Stella, geben ihr zu essen, verstecken sie. Ihren Retterinnen hat Stella Nikiforowa ein Gedicht gewidmet: „Hass und Liebe“. Wir hassen nicht die, die uns die Kindheit genommen haben, heißt es darin, weil es besser ist, sich in Liebe derer zu erinnern, die die Kinder retteten. „Wir Lagerkinder sind alt geworden“, sagt sie während ihrer Ansprache, „und wir werden unseren Retterinnen nachfolgen“. Dann sei keiner mehr da, der die ganze Wahrheit kundtun kann.
Die ganze Wahrheit, das ist das Vermächtnis, das immer kostbarer wird. Auch die nachmittägliche Gedenkstunde im ehemaligen Garagenkomplex stellte sich diesem Anliegen, gestaltet als interreligiöses Gedenken und vorbereitet von einer Gruppe jüdischer, christlicher und erstmals muslimischer Gläubiger sowie Schülern der John-F.-Kennedy-Schule und der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. „Woran wir glauben für das Leben behüten“, unter diesem Motto aus einem Text der österreichischen Überlebenden Antonia Bruha, verbanden Musik, Meditation und Gebet, Zeugnisse von Zeitzeugen, Symbole und Stille zu einem gemeinsamen Nachdenken: Wie können Menschen einander so unmenschliche Grausamkeit antun, wie konnte es zu dieser Entwertung aller Werte kommen? Was haben diese Verbrechen vor über 70 Jahren mit mir zu tun und warum bin ich heute hier? Ich bin gekommen, um zu verstehen, so sagt es eine Schülerin, die gerade noch in ergreifender Weise eine Hymne an die Namen gesungen hat – eine Litanei des Leids, aber viel mehr noch ein Gesang des Gedenkens, der den zu Nummern gewordenen Häftlingen ihren Namen und ein Stück ihrer Würde zurückgab.

Rosen der Erinnerung auf dem an das ehemalige KZ angrenzenden Schwedtsee mit Blick auf den Luftkurort Fürstenberg/Havel.

Für die katholische Gemeinde St. Hedwig entzündete Dekan Michael Ritschel die Gedenkkerze, als Licht im Dunkel, als Licht, das von Gott kommt, als Symbol der Hoffnung. „Ravensbrück ist ein wichtiger Ort für unsere Gemeinde und für das gesamte Erzbistum“, betont er. Das werde auch daran deutlich, dass Erzbischof Heiner Koch die Gedenkstätte anlässlich der Errichtung des Pastoralen Raumes Neuruppin am 31. Mai vergangenen Jahres besuchte.
Verstehen und Verantwortung heute, in diesem Kontext wirkt auch Dr. Sabine Arend als Bindeglied zwischen ihrer katholischen Pfarrgemeinde und der Gedenkstätte. Die aus dem Saarland stammende und seit vier Jahren in Fürstenberg lebende Kunsthis- torikerin ist in Ravensbrück als Leiterin der Museologie tätig und vertritt die Mahn- und Gedenkstätte im Pastoralausschuss. So bereitet sie unter anderem für den September einen Rundgang der Ausschussmitglieder durch das ehemalige KZ vor und plant in der kommenden Fastenzeit hier eine Führung für die gesamte Großgemeinde, um so auch im neu gebildeten pastoralen Raum die Mahn- und Gedenkstätte fest zu verorten, ihre Bedeutung weiter zu erschließen.

Ordensfrau ging freiwillig in die Gaskammer
Einen besonderen Platz nimmt dabei das Gedenken an Sr. Elisabeth Rivet ein. Die Generaloberin der französischen Ordensgemeinschaft „Unserer Lieben Frau vom Mitleiden“ war seit 1944 in Ravensbrück inhaftiert und nahm am Karfreitag des Jahres 1945 – nur wenige Tage vor der Befreiung des KZ – für eine fünffache Mutter freiwillig den Tod in den Gaskammern auf sich. Bereits seit DDR-Zeiten halten die Gläubigen der Gemeinde Fürstenberg, des gesamten Dekanats Oranienburg und des angrenzenden Dekanats Neubrandenburg (Erzbistum Hamburg) das Andenken an ihren Märtyrertod mit einem alljährlichen Gedenkgottesdienst am Passionssonntag lebendig.
Diese Macht der größeren Liebe ist es, die Sr. Elisabeth Rivet mit dem Vermächtnis des eins-tigen Häftlingskindes Nummer 25622 eint: Dass wir in Frieden leben können, unabhängig von Hautfarbe und Religion, das ist Stella Nikiforowas abschließender Wunsch an die über 800 Teilnehmer der diesjährigen Gedenkfeier in Ravensbrück. „In jedem von uns ist so viel Gutes, Interessantes und Schönheit, lasst uns in Freundschaft miteinander leben und vergesst nicht, wie zerbrechlich das Leben ist.“

Von Marina Dodt