12.01.2017

Anstoß 02/2017

Früher war alles besser!

„Früher war alles besser!“ Diese Aussage hören wir gelegentlich, besonders von älteren Menschen und wir hören dann Geschichten, von früher, wie es damals noch richtige Winter gab, mit zugefrorenen Seen, auf denen man versuchte, mit provisorischen Schlittschuhen Schlittschuh zu fahren, oder wie man einen Schlitten behelfsmäßig zusammen gezimmert hat.

Viele weitere Erfahrungen und Geschichten folgen dann und sie erzählen von einer Zeit, die so gar nicht mehr in das Heute zu passen scheint. Auch ich kenne das „Früher“, die Zeit meiner Kindheit und ich tauche zuweilen auch ins „Früher“ ein.
Aber war damals wirklich alles besser? Ich erinnere mich, das in den 50er Jahren und Anfang der 60er Jahre nicht alles nur schön und unbeschwert war, sondern der Alltag auch manche Unannehmlichkeiten mit sich brachte. Ich habe es erlebt als Kind, ohne Heizung und warmes Duschwasser, es gab nach dem Aufstehen aus dem eiskalten Schlafzimmer nur den Kohleherd in der Küche, der morgens aber noch nicht richtig heiß war. Und nur am Samstag war Badetag, das gleiche Badewasser für alle, das zuvor mühsam erhitzt und in die Zinnwanne gelassen wurde und wir Kinder alle nacheinander im gleichen Wasser badeten. Heute undenkbar. Und kein Fernseher und kein Telefon und kein Internet, lediglich das Radio war eine wichtige Informations- und Unterhaltungsquelle. Ich weiß nicht, ob das alles besser war, ganz nach dem Motto „früher war alles besser!“ Da mag das gemeinsame Miteinander als Familie und der gemeinsame Sonntag und die Zeit füreinander besser gewesen sein, doch die Umstände waren nicht besser.
Aber es ist gut sich zu erinnern, nicht nur mit Wehmut, nicht nur mit einem nostalgischen Blick zurück und mit einem kritischen Blick nach vorn. Und wir dürfen auch dankbar sein, denn jede Zeit hat ihre Zeit. Und manche Erinnerungen bleiben. Die Geschichten und die Erfahrungen von früher leben in einem jedem Menschen weiter. Diese Zeiten – mit den Entbehrungen und mit dem Schönen, den guten und den schweren Zeiten. Und es sind vor allem Menschen, die  uns geprägt haben. Das Gestern, es lebt im Heute und Morgen weiter.
Und wir kennen auch den Satz, den ich damals zu meiner Oma und zu meiner Mama öfters gesagt habe: „Erzähl doch mal von früher…“ Es war spannend, wenn sie von früher erzählten. Und heute schreibt meine Mama mit ihren 91 Jahren etwas von dem auf, wie es früher so war, ihre Kindheit, das Kennenlernen mit meinem Papa, die Hochzeit, der Hausbau, wo noch jeder Stein selbst mühsam hergestellt wurde, dann die ersten Kinder, dann der Tod meiner Zwillingsschwester und so vieles, was geschehen ist. Es ist das Erinnerungsbuch und Geschichtsbuch unserer Familie – von früher für morgen. Aber es ist wichtig, das Buch zu haben, wenn sie es nicht mehr erzählen kann. Das Früher darf im Heute und Morgen bleiben und weiterleben und überleben.

Pater Josef kleine Bornhorst, Dominikanerkloster Leipzig