14.02.2019

Friedensethik bei Karl May

Mit Liebe leben

Karl May setzte sich in seinem Werk für den Frieden ein. Das nach ihm benannte Museum in Radebeul erinnert daran mit der Ausstellung „Und Friede auf Erden“. In den kommenden Jahren wird die Thematik stärker in den Blick genommen.

Engel hatten im Werk von Karl May hohe Bedeutung. 1920 ließ seine Witwe einen Brunnen-Engel fertigen, der an die Bemühungen Mays um den Frieden erinnert. | Foto: Holger Jakobi

„Der Versuch einer deutsch-französischen Annäherung ist wünschenswert.“ So lautete die Antwort von Karl May auf eine Umfrage der Zeitschrift „La paix par le droit“. Weiter schrieb der Autor: „Jeder Deutsche, der nicht fehlgeleitet worden ist, schätzt und ehrt die Franzosen. Frankreich und Deutschland müssen die Karyatiden (Skulptur einer weiblichen Figur mit tragender Funktion in der Architektur) am Eingangstor zum zwanzigsten Jahrhundert sein. Wenn sie sich in Frieden einigen, wären beide stark genug, um das stützende Bauwerk zu tragen und jeden Friedensstörer zu vertreiben.“ Mays Worte stammen aus dem Jahr 1907. Sein Wunsch erfüllte sich nicht. Was folgte waren zwei Weltkriege. Die von May erhoffte friedliche Annäherung folgte erst in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Das Karl-May-Museum Radebeul erinnert in der aktuellen Jahresausstellung „Und Frieden auf Erden“ an den Friedensethiker Karl May. Anne Barnitzke – verantwortlich für das Marketing des Hauses – sagt: „Der Karl-May-Stiftung war es ein Anliegen, zum 90. Geburtstag des Museums den Einsatz von Karl May für Frieden und Pazifismus (Gewaltverzicht) in den Mittelpunkt zu stellen. Zum einen durch die Ausstellung in der Villa Bärenfett und zum anderen durch die Wiederherstellung des 1974 verschwunden Brunnenengels im Park.“ Das Original stammte vom Bildhauer Paul Peterich, die Nachbildung entstand in der Steinbildhauerei Sebastian Hempel in Dresden. Anne Barnitzke weist darauf hin, dass die Engel für Karl May eine hohe Symbolkraft besaßen. Mays Witwe lies der Friedensgedanke ihres 1912 verstorbenen Mannes nicht los. Bewusst wollte sie nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Engel ein Zeichen des Friedens setzen. Aufgestellt wurde der Engel im Jahr 1920.
Karl Mays Spätwerk – beginnend mit dem Buch Am Jenseits (1899) über „Ardistan und Dschinnistan“ (1907 bis 1909) und endend mit Winnetou vier (1910) – ist stark mystisch-symbolisch geprägt. Den Lesern seiner Zeit – so Anne Barnitzke – blieben diese Bücher in der Mehrheit fremd. Sie wollten Abenteuerbücher wie „Der Schatz im Silbersee“, „Durch die Wüste“ oder die ersten drei Winnetou-Bände. Andere wiederum, wie der Maler Sascha Schneider, verstanden Karl May sehr wohl.

Nur ein einziges Recht und eine einzige Pflicht, die Liebe
Zwei Zitate, die Mays Gedankenwelt erschließen helfen: „Gott schrieb die Schöpfung nicht als Trauerspiel; Ein tragisches Ende kann es nirgends geben. Zwar jedes Leben ringt nach einem Ziel. Doch dieses Ziel liegt stets im nächsten Leben.“ Das Zitat stammt aus dem Theaterstück „Babel und Bibel“, von Karl May im Jahr 1906 verfasst. Im Buch „Am Jenseits“ findet sich folgende Stelle: „Denn nach Gottes Ratschluss besitzt der Mensch nur ein einziges Recht und eine einzige Pflicht, nämlich das Recht und die Pflicht der Liebe. Wie aber steht es bei Euch damit im Erdenleben? Gibt es einen einzigen Menschen, welcher auf dieses Recht der Liebe verzichtet? Und wie viele aber sind es, welche, wie Gott es doch gebietet, ihr ganzes Leben der Pflicht der Liebe zu weihen? Schau sie an, die da vorüberziehen. Sie alle haben nach Gerechtigkeit geschrieen, aber keine Gerechtigkeit gegeben, weil sie keine Liebe besaßen.“
Wo liegen die Quellen des Mayschen Denkens? Zum einen in seinem Christentum. Der 2017 verstorbene Leipziger Karl-May-Biograf Dr. Christian Heermann sah die Wurzeln für das christlich-religiöse Denken von Karl May in dessen Kindheit – die Familie war sehr arm, aber sehr christlich. Weitere Quellen sind seine Jugend und die Jahre, in denen es ihm nicht gelang, gesellschaftlich Fuß zu fassen und schließlich die Begegnung mit dem katholischen Katecheten Johannes Kochta im Zuchthaus Waldheim. Karl May verbüßte dort von 1870 bis 1874 nach kleinen Diebstählen und Hochstapeleien eine Haftstrafe. „Kochta begegnete May in einer Art, die ihn menschlich aufgerichtet hat. Er sah in ihm nicht den ,Züchtling Nummer 402‘, sondern sprach ihn mit seinem Namen an“, so Christian Heermann. Diese Begegnung und die mit Kochta geführten Gespräche sind sicher der Anlass dafür gewesen, dass sich Karl May von Anfang an mit christlichen Themen befasste. „Religion ist ein wichtiges Element seines Werkes und mitunter sogar handlungstragend“, betonte Christian Heermann im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Handeln von Kara Ben Nemsi und von Old Shatterhand beispielsweise zeigte May Alternativen auf, „es geht nicht, um die Vernichtung des Gegners, sondern vielmehr darum, ihn zu wandeln, ihn auf die Seite des Guten zu bringen.“ Karl May nannte dies ein „Christentum der Tat“. „Allerdings hat für May die Frage der Konfession oder der Religion nicht die entscheidende Rolle gespielt, ihm ging es um einen Glauben, der die Menschen vor allen Dingen dazu anhält, ein guter Mensch zu sein“, betonte Christian Heermann.
In der Jahresausstellung wird deutlich, das Karl May in seinen Friedensanliegen nicht alleine war. Das Vorbild anderer wurde für ihn zu einer weiteren Quelle. Die Zeit war nicht nur von überschäumenden nationalen Gedanken geprägt, sondern ebenso von einer tiefen Sehnsucht nach Fortschritt. Lebensreformer meldeten sich zu Wort. In Österreich-Ungarn engagierte sich Bertha von Suttner in der Friedensbewegung, in Russland erhob Leo Graf Tolstoi seine Stimme. Zum Russisch-Japanischen Krieg (1904 bis 1905) erschien seine kleine Schrift „Tut Buße“. In ihr zeigt Tolstoi auf, wie bewusst Politiker und die Presse hetzend ein Volk in die bewaffnete Auseinandersetzung treiben. Bertha von Suttner hingegen zeigt in ihrem Roman „Die Waffen nieder“ das Leiden einer Frau. Suttner schildert darin aus der Ich-Perspektive das Leben der aus Wien stammenden Gräfin Martha Althaus im Kontext von vier Kriegen.

Karl-May-Museum wird saniert und Ausstellung soll neu geordnet werden
Die Einweihung des neuen Brunnenengels – begleitet von einem evangelischen und einem katholischen Pfarrer – im Dezember bildete den Startschuss für eine Neugestaltung des Karl-May-Museums. Anne Barnitzke berichtet, dass die Villa Bärenfett und die Villa Shatterhand baulich erneuert und die Ausstellung neu konzipiert wird. Zudem entsteht an der Meißner Straße ein neuer zentraler Eingangsbereich. Inhaltlich wird die Friedensethik von Karl May und das heutige Leben der indigenen Völker Nordamerikas breiteren Raum einnehmen, so Anne Barnitzke.
Zur Ausstellung und zum Museumsgeburtstag – an den eine kleine Dokumentation in der Villa Shatterhand erinnert – erschien ein Sonderdruck in der Museumspublikationsreihe „Der Beobachter an der Elbe“. Dr. Hermann Wohlgschaft schreibt darin: „Mays poetische Antworten auf alle wesentlichen Menschheitsfragen setzen immer ein letztes Vertrauen auf Gott voraus. Wenn ich die Fragen, die mich unbedingt angehen, positiv beantworte, wenn ich also einen letzten Sinn des Daseins postuliere und an eine absolute Liebe glaube, die den Hass, das Unrecht und den Tod endgültig überwinden wird, dann glaube ich – so legen es Mays Spätwerke nahe – eo ipso an Gott: An den jenseitigen Gott, der ,mitten in unserem Leben‘ (Dietrich Bonhoeffer) anwesend ist.“

Karl-May-Museum Radebeul: Dienstag bis Sonntag ganzjährig geöffnet März bis Oktober von 9 bis 18 Uhr, November bis Februar von 10 bis 17 Uhr.

Von Holger Jakobi