10.12.2020

Akademietagung „Gefährliche Seelenführer“ in Leipzig zum Thema "Spiritueller Missbrauch"

Fremdgesteuert in Gottes Namen

„Spiritueller Missbrauch ist in unserer Kirche eine schmerzliche Realität. Wir sollten ihr ins Auge sehen“, sagt Bischof Heinrich Timmerevers. Mitte November hatte er zur Akademietagung „Gefährliche Seelenführer“ nach Leipzig eingeladen. Als besonders wertvoll würdigte er dort die Beiträge Betroffener.


Von Dorothee Wanzek

Arzt und Patient, Therapeut und Klient, Betreuer und Mündel, Chef und abhängig Beschäftigter – wenn Machtgefälle menschliche Beziehungen prägen, birgt das die Gefahr von manipulativem und übergriffigem Verhalten. In anderen Lebensbereichen ist das seit Jahren ein Thema. Dass auch Seelsorgebeziehungen anfällig sein können, dringt in der Kirche    erst allmählich ins öffentliche Bewusstsein. Eine Video-Tagung der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen am 12. und 13. November beleuchtete    das Thema „spiritueller Missbrauch“ aus Sicht von Kirchenleitungen und Seelsorgern, Juristen und Psychologen und nicht zuletzt aus der Sicht von Betroffenen.

Die für viele der rund 400 Teilnehmer erschreckende Erkenntnis: Es sind in der katholischen Kirche beileibe keine Einzelfälle, dass Seelsorger und geistliche Begleiter das Vertrauen von Ratsuchenden ausnutzen, um eigene Interessen zu verfolgen. Menschen, die sich nach einer vertieften Gottesbeziehung sehnen und sich dafür die Unterstützung vermeintlicher Experten suchen, erleben, dass ihre persönliche Freiheit missachtet wird. Durch Druckmittel, die auf den ersten Blick oft schwer durchschaubar sind, bringen die geistlichen Leiter sie dazu, Entscheidungen zu treffen, die ihnen schaden. Auch biblische Texte, Zitate von Kirchenvätern und bedeutender Heiliger können dabei zu Werkzeugen der Manipulation werden. So geschah es dem Rheinländer Stefan Hoffmann, der während der Tagung von seinen Erfahrungen als Betroffener berichtete. Als junger Mann haben ihn die Leiter einer geistlichen Gemeinschaft mit dem Bibelzitat „... wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ gegen seinen Willen nach Afrika geschickt.

Erst nachdem er dort lebensbedrohlich erkrankte, kehrte er nach Hause zurück. „Die Verantwortlichen können in ihren Anweisungen irren. Aber wir irren nicht, wenn wir sie befolgen“, lautet ein Ausspruch der von Maximilian Kolbe überliefert ist und der Hoffmanns Oberen dazu diente, seinen Abreise-Entschluss in Zweifel zu ziehen.   

Nicht selten leiden die Betroffenen bis zum Ende ihres Lebens unter dem Erlebten, seelisch, körperlich, besonders aber auch in ihren Gottesbeziehungen. Die spirituelle Manipulation bereitet zudem auch anderen Formen des Missbrauchs den Weg. Wer gelernt hat, das eigene Gewissen geringzuschätzen und stattdessen die Weisungen des geistlichen Führers mit der Stimme Gottes gleichzusetzen, wird wehrloser, zum Beispiel gegenüber sexuellen Übergriffen. Wem der innere Kompass abhanden gekommen ist, der lässt sich leichter vereinnahmen für Handlungen, die seinen moralischen Maximen eigentlich widersprechen – ein Phänomen, das auch von islamistischen Selbstmordanschlägen bekannt ist.

Verantwortlich für das selbst verursachte Leid

Veranstaltungen wie die Leipziger Tagung könnten dazu beitragen, dass Betroffene in der Kirche schneller Gehör finden, hofft Ellen Adler*, die selbst Missbrauch erlitten hat. Aus eigenem Erleben und aus Gesprächen mit anderen Betroffenen weiß sie, dass es in der Regel viele Anläufe braucht, um Hilfe zu erfahren. Häufig schenken kirchliche Verantwortungsträger Opfern keinen Glauben und kein Verständnis. „Wo ist das Problem? Warum haben Sie sich der Situation nicht einfach entzogen?“, fragen sie zum Beispiel.    „Wir sind da nicht zuständig! Es handelt sich ja nicht um sexuellen Missbrauch Minderjähriger“, lautet eine weitere typische Reaktion.

Heinrich Timmerevers und Felix Genn, die Bischöfe von Dresden-Meißen und Münster, haben sich während der Leipziger Tagung mehrfach ausdrücklich zur Verantwortung der Kirche bekannt für das Leid, das geistliche Führerinnen und Führer in ihrem Namen verursacht haben – ein wichtiges Signal, findet Ellen Adler, eine von rund 400 Teilnehmern, die vom heimischen Computer aus die Tagung mitverfolgt hat. Sie hat wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass dabei auch nicht nur von der Verantwortung der Kirche als Ganzes die Rede war, sondern ausdrücklich die Rolle der Bischöfe ins Licht gerückt wurde. Anders als dies in der Vergangenheit oft dargestellt wurde, beschränke sich deren Verantwortung nicht auf das Handeln ihrer Diözesanpriester, machte insbesondere die Erfurter Kirchenrechtlerin Professor Myriam Wijlens in ihrem Tagungsbeitrag deutlich. Wenn Ordensleute und Vertreter geistlicher Gemeinschaften als Täter in den Fokus gerieten, seien Bischöfe bisher häufig untätig geblieben. Richtig sei zwar, dass in diesen Fällen für disziplinarische Maßnahmen die    Gemeinschaften selbst zuständig sind. Den Bischöfen obliege aber die „Hirtensorge“ für die Gläubigen ihres Bistums. Sie seien für das geistliche Wohl aller Gläubigen verantwortlich, die auf ihrem Territorium leben. Damit haben sie unter anderem die Möglichkeit, Beschuldigten die Erlaubnis zur Seelsorge in ihrem Bistum zu entziehen, Priestern die Feier der Eucharistie und das Spenden des Bußsakraments im Bistum zu verbieten.

Um Missbrauch aller Art vorzubeugen, empfahl Myriam Wijlens, Gemeinschaften zu visitieren und dabei das Augenmerk auf begünstigende Faktoren zu richten: Gibt es gegenüber Leitungskräften Personenkult, werden Leitungsaufgaben zeitlich unbefristet vergeben, gibt es ungesunde Gottesbilder oder Frömmigkeitsformen, fehlt eine Altersversorgung für Mitglieder, können diese ihre geistlichen Begleiter frei wählen, fehlt es in der Entscheidungsfindung an Transparenz …?

Die Erfurter Professorin informierte über das so genannte „Motu proprio „Come una madre amorevole“ (Wie eine liebende Mutter). Der kirchenrechtlichen Neuregelung aus dem Jahr 2016 zufolge können Bischöfe sanktioniert werden, wenn sie ihrer Aufsichtspflicht fahrlässig nicht entsprechen, bis hin zur Amtsenthebung.

So wichtig sie die Impulse der Leipziger Tagung findet, Ellen Adler macht sich keine Illusion über die Hürden, die noch zu überwinden sind, bis sich die Situation merklich verbessern könne. Dazu brauche es verstärkte Wachsamkeit von Laien und Priestern auf allen Ebenen der Kirche, macht sie bewusst. Eine Tendenz zum Wegschauen bestehe zum Beispiel bei entstehenden geistlichen Gemeinschaften. Aus Angst, die fruchtbare Begeisterung des Anfangs zu zerstören, würden Fehlformen übersehen, die sich gerade in der Anfangsphase einer Gemeinschaft leicht entwickeln können. Schwierig werde es zudem fast durchweg, sobald Missbrauch nicht im allgemeinen, sondern    konkret angeprangert werde. Die wenigsten seien bereit, dem Hinweis auf Täter nachzugehen, die sie persönlich kennen und mögen, die womöglich zur eigenen Gemeinschaft gehörten.

Betroffene werden von Mitchristen ausgegrenzt

Der Umgang mit sexuellem Missbrauch habe zudem gezeigt, dass es auch der Nachsorge bedürfe. Es reiche nicht aus, Kontakpersonen zu benennen, die Missbrauchs-Anzeigen entgegennehmen und auf externe therapeutische, juristische und finanzielle Hilfsangebote verweisen. Betroffene bräuchten auch kompetente seelsorgliche Begleitung im Heilungsprozess ihrer angeschlagenen Gottesbeziehung. „Die Kirche bestellt Kategorialseelsorger für unterschiedlichste Menschengruppen. Diejenigen, deren Leid sie selbst verursacht haben, lassen sie ohne seelsorglichen Beistand“, kritisiert die Tagungs-Beobachterin.

Die Bereitschaft zu einer angemessenen Begleitung kann sie bisher noch nicht erkennen: „Wir dürfen gerne einmal unsere Geschichte erzählen, aber dann sollen wir, bitteschön Ruhe geben. Auch unsere Gemeinden grenzen uns aus und signalisieren, dass wir lästig sind. Es würde vieles erleichtern, wenn wir erleben dürften, dass unsere Mitchristen hinter uns stehen und an unserem Leid Anteil nehmen.“

*Name geändert