10.03.2022

TdH-Fastenserie Teil 2: Klimawandel und Artensterben

Nur nutzen, was notwendig ist

Fastenzeit-Serie Teil 2: Die Folgen von Klimaveränderungen und Artensterben bedrohen auch hierzulande zunehmend Menschen. Julius Bognitz schildert, was ihm besondere Sorge bereitet und wo er Auswege sieht.


Seit Jahren ist aufgrund von Trockenheit und Befall durch Borkenkäfer ein verheerendes Baumsterben im Harz zu beobachten. Engagierte hoffen, dass dem durch das Anpflanzen verschiedener Baumarten und mit Hilfe der Kräfte der Natur mittelfristig begegnet werden kann.    Foto: epd/Stefan Arend

Julius Bognitz ist 24 Jahre alt. „Wenn ich so alt werde, wie meine Großeltern jetzt, habe ich noch gut 50 Jahre vor mir“, sagt der Jura-Student. „Ich hoffe, dass es eine gute Zeit wird, die immerhin noch zweimal so lang sein kann, wie ich bisher lebe.“ Natürlich wolle er eine Familie gründen, sich beruflich engagieren, sich bemühen, verantwortlich als Christ zu leben. Wie anderen jungen Leuten bereitet Bog-nitz aber auch manches Sorgen. „Wenn man sieht, wie sich die klimatischen Verhältnisse allein in den letzten 25 Jahren verändert haben, ist in den nächsten 50 Jahren schon mit großen Gefahren zu rechnen, wenn nicht sofort gehandelt wird.“

„Angst habe ich nicht“, sagt der junge Mann. „Angst hat man vor Unbekanntem. Aber wir wissen ja, was wir zu erwarten haben und was wir tun können. Mir bereitet jedoch große Sorge, dass wir das, was dran ist, nicht tun.“ Gerade habe erst der Weltklimarat gewarnt, dass nur noch wenige Jahre bleiben, um die schlimmsten Folgen der Erd-
erhitzung abzuwenden. „Dazu gehören immer häufiger auftretende Wetterextreme: Stürme, Starkregenereignisse, Hitzewellen. Weitere Folgen sind Wasserknappheit und Überschwemmungen, der Anstieg des Meeresspiegels, Regionen, die unbewohnbar werden, riesige Migrationsströme, massive Konflikte. Das ist der Stand der wissenschaftlichen Forschung, nicht die Meinung von Pessimisten“, betont Bognitz. Einiges davon sei inzwischen ja auch bei uns in Mitteleuropa zu spüren. Beim Wandern in den Alpen habe er selbst schon Flächen gesehen, wo bis vor wenigen Jahren noch Gletschereis war. Der Harz sei schon über Jahre extrem von Trockenheit betroffen. Auch im Thüringer Wald sterben Bäume in Folge von Trockenheit und damit verbundenem Schädlingsbefall. Und extreme Hochwasser habe es in den letzten Jahren nicht nur an der Ahr, sondern auch zweimal an der Elbe gegeben.

Eng mit den Klimaveränderungen verbunden und zugleich ein eigenes bedrohliches Krisenfeld sei der Rückgang der Arten und der biologischen Vielfalt überhaupt. „Das ist nicht irgendeine Nebensächlichkeit, wenn es ein paar Tiere weniger, aber doch noch Kühe, Hunde, Katzen und ein paar Vögel gibt“, sagt Bognitz. „Denn es hängt alles mit allem zusammen. Die biologische Vielfalt sorgt mit dafür, dass das ganze Ökosystem der Erde einigermaßen im Gleichgewicht bleibt. Es ist aber massiv gefährdet.“

Julius Bognitz studiert in Halle und kommt aus Görlitz.    Foto: privat

Jetzt handeln, sonst ist es zu spät

Der Mensch könne dagegen starke Maßnahmen ergreifen. „Aber er muss es auch tun und dabei nicht nur zögerlich, bagatellisierend, halbherzig handeln. Sonst ist es bald zu spät“, sagt Bognitz.

„Christen, und gerade wir hier in Europa und Nordamerika, tragen da besondere Verantwortung für die Mitmenschen und die ganze Schöpfung. Mein Nächster ist eben nicht nur mein Nachbar, sondern auch die Menschen in anderen Teilen der Welt.“ Die Fastenzeit biete zumindest im eigenen Lebensumfeld die gute Gelegenheit, sich darauf mehr einzulassen, ist der Student überzeugt. „Denn es geht darum, bewusst zu leben und mit dem Gegebenen verantwortlich umzugehen.“ Dazu sei der Mensch schon im Buch Genesis im Alten Testament aufgerufen: „Wenn es in der Bibel heißt, der Mensch soll über die Erde herrschen, dann bedeutet das ja nicht, sie auszunutzen und zu zerstören, sondern das Gegebene zu nutzen, zu formen und zu erhalten. ,Beherrschen‘ heißt nicht zerstören. Wer verantwortlich mit Macht umgeht, wird dafür sorgen, dass auch für die Menschen nach uns Möglichkeiten bleiben und mit dem ihm Anvertrauten sorgsam umgehen.“

Es gebe viele Möglichkeiten, sich auch in der Fastenzeit über die vielfältigen Zusammenhänge und das, was jetzt gefordert ist, kundig zu machen, sagt Bog-nitz. Sehenswert sei zum Beispiel die Sendereihe „Quarks“ im WDR-Fernsehen. Unter www.quarks.de sei dazu viel zu finden. Doch alles Informieren müsse praktische Konsequenzen haben. „In Deutschland spielen bei der Ernährung tierische Ressourcen eine extrem große Rolle“, sagt der Student. Die Massentierzucht sei aber erwiesenermaßen eine gewaltige Belastung für das Ökosystem, von den Bedingungen, unter denen die Tiere gehalten werden, und gesundheitlichen Auswirkungen ganz zu schweigen. Und die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen seien ja auch schon in den Schlagzeilen gewesen. „Ich finde, die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, beim Einkauf bewusst zu fragen: Unter welchen Bedingungen ist dieses Lebensmittel produziert? Leidet die Erde dabei? Die Tiere? Die damit befassten Menschen? Und ganz bewusst weniger tierische Produkte wie Fleisch, Wurst, Käse, Eier und stattdessen viel mehr pflanzliche Lebensmittel aus Getreide, Kartoffeln sowie Obst und Gemüse zu essen“, so der 24-Jährige. „Das fällt mir selbst auch nicht leicht, aber ich praktiziere es gerade ganz bewusst.“ Hilfreich dabei sei, dies gemeinsam mit anderen zu tun.

„In der Katholischen Studierendengemeinde (KSG) kaufen wir bewusst Bioprodukte, die möglichst in der Region hergestellt wurden und jahreszeitgemäß sind“, erzählt der Student. „Wir kochen uns oft vegetarische oder vegane Gerichte. Da gibt es viele Möglichkeiten.“ Überhaupt sei die „Schöpfungsbewahrung“ in der KSG Halle wichtig. „Neben der Ernährung kommt das Thema in Gebeten und Gottesdiensten vor, es gibt Vorträge, wir nehmen an der Zertifizierung als umweltbewusst lebende Gemeinde teil.“ Eng mit der Bewahrung der Schöpfung gehe die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit einher, wie dies etwa auch von Papst Franziskus in seiner Sozialenzyklika „Laudato si’“ herausgearbeitet ist. „Denn die Armen leiden unter den Klimaveränderungen, ohne sie verursacht zu haben.“

Jeder Einzelne könne noch sparsamer mit fossilen Brennstoffen und Energie umgehen, etwa auch im Bereich der Mobilität. „Man kann so manche Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Als Student brauche ich kein eigenes Auto, sondern fahre Zug.“ Mit Sorge sehe er die unnötig immer größer werdenden PKW mit ihrem hohen Treibstoffverbrauch und ihren Emissionen, trotz aller Freude über die Elektroautos. Ja, er sei auch schon mit dem Flugzeug geflogen. Und man könne auch mal eine große Reise machen. „Aber es stellt sich schon die Frage: Muss man wirklich zwölf Stunden fliegen, um am anderen Ende der Welt am Strand zu liegen, was hierzulande auch möglich ist?“

Darüber hinaus gebe es viele weitere Bereiche, in denen ein viel bewussteres Handeln notwendig ist, wie etwa die Frage, ob ständig neue Kleidung nötig ist. Bognitz: „Wir sollten uns nur das aus den Ressourcen der Erde nehmen, was wir tatsächlich für unser Leben brauchen. Und nicht aus Prestige-, Geltungs- oder sonstwelchen Gründen handeln. Es braucht in vielen Bereichen einfach ein ,Viel, viel weniger‘. Sonst wird unsere Erde zunehmend unbewohnbar.“

Kleine Schritte und große Entscheidungen

„Kleine Schritte kann jeder einzelne gehen. Und viele kleine Schritte zusammen erzielen auch eine Wirkung.“ Viele Entscheidungen aber müssten politisch getroffen und umgesetzt werden, um als Gesellschaft das Zusammenleben nachhaltiger zu gestalten. „Ich habe das Gefühl, dass das immer mehr Menschen erkennen und hatte die Hoffnung, dass die neue Regierung die Probleme engagiert angeht.“ Die Frage sei allerdings, wie sich dies nun entwickelt. „Denn der Krieg in der Ukraine stellt die Fragen des Klimawandels in die zweite Reihe“, sagt Bognitz. „Doch auch der Krieg zeigt eindringlich, wie fragil unser Leben ist und wie sehr wir uns als Menschen auf dieser Erde gegenseitig brauchen, im Blick auf den Frieden genauso wie beim Erhalt unserer Lebensgrundlagen.“

„Es ist eher fünf nach zwölf. Wir nehmen uns als Gesellschaft bisher eine Freiheit, die zur Unfreiheit für unsere Kinder führt. Wir nehmen uns etwas, das uns nicht zusteht.Wir dürfen uns nur noch das nehmen, was wir wirklich zum Leben brauchen. Es ist wirklich, wirklich spät. Wir müssen jetzt das Nötige tun.“

Von Eckhard Pohl