19.12.2019

Nazi-Raubgut an Exerzitienhaus Hoheneichen zurückgegeben

Bücher als Zeitzeugen

Die Sächsische Landesbibliothek hat Nazi-Raubgut an das Dresdner Exerzitienhaus Hoheneichen zurückgegeben. Für die dort lebenden Jesuiten ist das ein Anlass, sich tiefer mit der Geschichte ihres Hauses zu beschäftigen.

Nadine Kulbe und Thomas Stern geben Bücher an Pater Wilfried Dettling (links) zurück, die Eigentum des Exerzitienhauses Hoheneichen sind.    Fotos: Dorothee Wanzek

 

Spätestens seit 1940 hatten die Sicherheitsdienste im nationalsozialistischen Deutschland die Jesuiten in Dresden im Visier. In einem Bericht des SS-Sturmbannführers Albert Hartl über die „Insassen der Jesuitenniederlassung Hoheneichen“ aus dieser Zeit ist zum Beispiel zu lesen, dass sie sich „in besonderer Weise mit der Jugendarbeit befassen und dabei die einschlägigen staatspolizeilichen Bestimmungen wiederholt übertreten haben“.
1941 beschlagnahmte die Gestapo das Exerzitienhaus im Vorort Hosterwitz mitsamt seiner Bücher. Im Jahr darauf beschenkt sie die Sächsische Landesbibliothek mit einem Buchpaket aus Hoheneichen.  Wie groß die Bibliothek der Jesuiten-Einrichtung war und wie viele Bücher die Gestapo einkassierte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Klar ist mittlerweile aber: Die meisten Werke verbrannten 1945 im Bibliotheks-Standort Japanisches Palais. Der kleinere Teil, der die Luftangriffe auf Dresden überstanden hatte, zählte jahrzehntelang selbstverständlich zum Bibliotheksbestand, ohne dass sich jemand dort mit der Herkunft befasst hätte. Seit zehn Jahren forscht die Landesbibliothek – seit ihrem Zusammenschluss mit der Universitätsbibliothek im Jahr 1996 nur mit ihrer Abkürzung SLUB bezeichnet – gezielt nach den früheren Besitzverhältissen ihres Inventars. Im Zuge der so genannten  Provenienzforschung traten dort auch 23 Bücher zutage, die einen Stempel des „Xaveriushauses“ trugen – so der einstige offizielle Name von Hoheneichen.
Als SLUB-Mitarbeiter die 23 Bücher am 11. Dezember an den Hausleiter Pater Wilfried Dettling übergaben, war die Freude auf allen Seiten groß. Es gelinge längst nicht immer, die Erben der Enteigneten ausfindig zu machen, erzählte Projekt-Mitglied Nadine Kulbe. Ihr Kollege Thomas Stern verwies auf die historische Bedeutung der Rückgabe von Büchern, die sich unrechtmäßig im Besitz der SLUB befinden. „Es gibt immer weniger Menschen, die noch aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft berichten können. Auch Bücher sind Zeitzeugen“, sagte er. Die SLUB handele im Sinne einer Gemeinsamen Erklärung, mit der sich Bundesregierung, Länder und kommunale Spitzenverbände vor zwanzig Jahren zu einer aktiven Suche nach NS-Raubgut bekannten.
Wilfried Dettling wies auf die Verbundenheit zu den Jesuiten hin, die die Exerzitien- und Bildungsarbeit im Haus Hoheneichen begründet haben. Die Bücher zurückzuerhalten, die sie damals für ihre Arbeit inspirierten, stärke diese Verbundenheit.

Besonders begehrt: Buch über Japan-Mission
Als Nadine Kulbe ihn Anfang des Jahres auf die aufgefundenen Bücher aufmerksam machte, habe ihn das überrascht, erzählte er Journalisten am Rande der Übergabe. Die Dresdner Jesuiten hatten sich bis dahin nicht mit dem Verbleib der beschlagnahmten Bücher befasst. Unter den zurückgegebenen Büchern seien geistliche Bücher, die zur Besinnung anregten, Heiligenlegenden, kirchliche Lexika und historische Abhandlungen, insbesondere über die Geschichte der Jesuiten. Das älteste Werk wurde 1616 in Mainz gedruckt und enthält Predigten des Dominikaners  Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert. Wilfried Dettling ist – ebenso wie Pater Albert Holzknecht, der ihn zum Jahreswechsel als Leiter von Hoheneichen beerben wird – besonders neugierig auf die Lektüre eines der jüngeren Werke: „Shin-To. Der Weg der Götter in Japan“ veröffentlichte der Jesuit Georg Schurhammer 1923 ein Werk, das sich auf die Berichte jesuitischer Japan-Missionare des 16. und 17. Jahrhunderts stützt.
Der stellvertretende Hausleiter Pater Willi Lambert interessiert sich besonders für ein Buch über Reisen nach Ost- und Westeuropa. Bei ihm hat die Bücher-Übergabe das Interesse für die Geschichte des Exerzitienhauses neu angefacht. Die Pressevertreter weist er darauf hin, dass Pater Otto Pies, der bis zur Enteignung Hausverantwortlicher in Hoheneichen war, kurz darauf im Konzentrationslager Dachau interniert wurde und dort auch den später heiliggesprochenen Jesuiten Karl Leisner begleitete. Hoheneichen wurde bis zum Kriegsende für Kinderlandverschickungen der Hitlerjugend genutzt. Ein Handbuch für Pädagogen ist dem Exerzitienhaus aus dieser Zeit erhalten. Beeindruckend findet Willi Lambert besonders die Texte von Morgenandachten, die Kinder darauf einstimmten, für die NS-Ideologie in den Tod zu gehen und im Angesicht der nationalsozialistischen Gesinnungs-Gemeinschaft das eigene Ich als nichtig zu betrachten.

 

Eine jesuitische Auslegung der Bibel aus dem 18. Jahrhundert gehört zu den zurückgegebenen Büchern.

 

Der ideelle Wert ist viel höher als der materielle
Ebenso wie die zurückgegebenen Bücher aus der SLUB steht dieses Handbuch vor allem den Jesuiten selbst zur Verfügung und ihren Gästen, die hier Besinnung und Erholung suchen. Auf Anfrage können gerne auch weitere Interessenten den zurückgewonnenen Schatz in Augenschein nehmen, bietet Wilfried Dettling an. Dass er mit diesem Angebot Diebe anlocken könnte, fürchtet er nicht. Der ideelle Wert der Bücher sei weitaus höher als der materielle – Nadine Kulbe schätzt ihn auf insgesamt 1500 Euro.
Bis auf wenige Ausnahmen, bei denen urheberrechtliche Gründe dagegen sprachen, hat die SLUB die zurückgegebenen Bände digitalisiert, so dass die Inhalte den Nutzern weiter zur Verfügung stehen. Im Zuge ihrer Recherchen haben die Provenienzforscher in Erfahrung gebracht, dass 201 Bücher aus der Bibliothek von Hoheneichen bei den Jesuiten in St. Georgen bei Frankfurt gelandet sind. Auf ungeklärten Wegen waren diese Bücher in die amerikanische Besatzungszone gelangt. Die Besatzer zogen Bücher aus verschiedenen nationalsozialsozialistischen Bücherdepots in einem zentralen Archivdepot in Offenbach zusammen, sichteten und sortierten sie. Gemeinsam mit anderen Büchern jesuitischer Herkunft lieferten sie die Hohen-
eichener Werke 1947 in St. Georgen ab.

Von Dorothee Wanzek