28.02.2020

Der Missbrauchsskandal erschüttert seit Jahren die Kirche. Veranstaltung mit dem vatikanische Kinderschutz-Experte Hans Zollner.

Es gilt, mehr zu tun!

Der Missbrauchsskandal erschüttert seit Jahren die Kirche. Nötig sind Transparenz, Rechenschaftspflicht, echte Zuwendung zu den Opfern und das Gebet, sagt der vatikanische Kinderschutz-Experte Hans Zollner SJ.

Von Eckhard Pohl

„Ich habe den Eindruck, dass wir als Kirche nicht wirklich an die Sündenvergebung glauben.“ Im Blick auf den Missbrauch gibt es nicht genug ehrliche Reue, zu wenig klares Bekenntnis und zu wenig Bereitschaft zur Wiedergutmachung, wie sie in der Beichte gefordert sind. „In allen drei Bereichen sind große Lücken zu finden.“ Diese Bilanz zieht der vatikanische Kinderschutz-Experte und Jesuit Hans Zollner zehn Jahre nach Beginn des Missbrauchs-
skandals in Deutschland.

Der vatikanische Kinderschutz-Experte Hans Zollner. - Foto: Eckhard Pohl

Um den Missbrauch einzudämmen, brauche es eine kirchenrechtliche Pflicht, auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen Rechenschaft über das eigene Tun und eigene Entscheidungen geben zu müssen, betonte das Mitglied der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen bei einem Vortrag in Halle. Die Katholische Kirche habe „keine Kultur der Rechenschaftspflicht“. Diese gelte es „unbedingt zu entwickeln“. So seien Bischöfe bislang in der Kirche nur dem Papst, Priester nur dem Bischof gegenüber verantwortlich gewesen.

Zollner, der auch Leiter des Centre for Child Protection (Zentrum für den Schutz der Kinder) in Rom ist und am Institut für Psychologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana lehrt, mahnte zugleich: Der vielfache, weltweite Missbrauch müsse jeden Einzelnen in der Kirche auch geistlich umtreiben. Den Opfern aber müsse viel Aufmerksamkeit und Hilfe zuteil werden. Nach Angaben des Europarates erlebten 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft sexualisierte Gewalt. Da sei bewusstes Zuhören das Wichtigste. „Es kann der erste Schritt zu Erleichterung, Heilung und Versöhnung sein“, so der Psychologe. Jeder könne mit für Transparenz und dafür sorgen, dass Täter zur Verantwortung gezogen werden.

Als der Jesuit Klaus Mertes 2010 die in den 1970er/80er Jahren geschehene sexualisierte Gewalt am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich machte, habe er „eine Welle des öffentlichen Interesses losgetreten“. Die Folge war „großes Entsetzen“, „riesige Wut“ auf und „große Enttäuschung“ über die Kirche. In der Kirche führte dies zu „Lähmung und Schockstarre“ sowie beklagenswert unterschiedlichen Reak-
tionen der Bischöfe und Ordens-
oberen, so Zollner. Dann habe man überall Präventionsstellen eingerichtet. Die Bischofskonferenz habe die Missbrauchs-Studie in Auftrag gegeben und sich damit auseinandergesetzt. Nun beschreite man in Deutschland den Synodalen Weg. „Heute macht die katholische Kirche in Deutschland und Österreich im Blick auf die Prävention soviel wie sonst nirgendwo. Millionen Menschen werden jedes Jahr geschult.“

Das weltweite Ausmaß des Missbrauchs in der Kirche machte Zollner etwa am Beispiel des Grand Jury Reports 2018 zu den sechs Diözesen im US-Bundesstaat Pennsylvania deutlich. Danach wurden dort zwischen 1950 und 2014 von 301 Priestern mehr als 1000 vor allem Kinder missbraucht. Dies sei von den in dieser Zeit 35 amtierenden Bischöfen über gut 60 Jahre hinweg vertuscht worden. Der Referent erinnerte unter anderem an die Verurteilung des australischen Kardinals und Präfekten des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, George Pell, wegen Missbrauchs, worüber im März eine letzte Entscheidung ansteht.

Das System Kirche hat dazu beigetragen

Im Umgang mit dem vielfachen Missbrauch auch in der Kirche Chiles sei es 2018 im Zusammenhang mit einer Reise des Papstes in das Land zu einer neuen Sichtweise gekommen. Zunächst hatte sich Franziskus hinter Bischof Juan Barros aus Osorno gestellt, als diesem vorgeworfen wurde, über Jahre die Übergriffe des mit ihm befreundeten, bekannten Priesters Fernando Karadima vertuscht zu haben. Das hatte Franziskus viel Kritik eingebracht. Nachdem aber eine Untersuchung den Verdacht bestätigt und dies beim Papst „Schmerz und Scham“ ausgelöst hatte, bat er die Gläubigen und alle Bewohner des Landes um Entschuldigung dafür, „sie als Kirche zutiefst verletzt und beleidigt zu haben“. Den chilenischen Bischöfen aber schrieb er: „Ihr seid als gesamte Kirchenverantwortliche der Ortskirche von Chile mitverantwortlich.“ Denn es sei nicht möglich, dass sie nicht von den Vorkommnissen erfahren hätten. Damit, so Zollner, wurde eine „systemische Betrachtungsweise“ eingeführt: „Das System Kirche hat dazu beigetragen, dass die Missbräuche so lange gedeckt wurden“. Das war ein „Wendepunkt, wie wir heute das Thema sehen“. Einen Monat später boten alle Bischöfe Chiles ihren Rücktritt an.

„Mehr und mehr“, so Zollner, komme auch der Missbrauch von Erwachsenen, auch von Ordensfrauen durch Priester ans Licht. Das werde etwa „in Afrika und Asien noch sehr schmerzhaft“. Zugleich beklagte Zollner, dass in katholischen Ländern wie Spanien und Italien das Problem des vielfachen Missbrauchs bis heute nicht angekommen sei. In Polen hingegen sei gegenwärtig die Diskussion darüber schwer im Gange.

Anfänge einer Rechenschaftspflicht

Beim Gipfel zum Schutz der Kinder und Schutzbefohlenen in der Kirche Ende Februar 2019 in Rom hätten die versammelten 190 Bischöfe und Ordensoberen, Vertreter der Ostkirchen und der römischen Kurie dann endlich Schritte hin zu mehr Rechenschaftspflicht unternommen, so Zollner. Mit dem Apostolischen Schreiben „Vos estis lux mundi“ (Ihr seid das Licht der Welt) vom Mai 2019 gebe es nun kirchenrechtliche Regeln und Instruktionen zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs. Danach hat jede Diözese entsprechende Anlaufstellen zu unterhalten. Alle, die von einem Verdachtsfall Kenntnis bekommen, haben diesen anzuzeigen. Ein Bischof, der von Anschuldigungen erfährt, ist kirchenrechtlich gehalten, eine Voruntersuchung zu führen und die Ergebnisse nach Rom zu melden. Kommt ein Bischof dem nicht nach, ist er beim zuständigen Erzbischof anzuzeigen, der dann entsprechende Untersuchungen vornehmen muss. Zollner: „Das ist noch zu wenig. Aber es ist der Beginn einer Rechenschaftspflicht.“

Der Jesuit hält es auch für erforderlich, dass der Missbrauch Thema und Aspekt des geistlichen Lebens in den Gemeinden ist. „Geht es oft genug in den Fürbitten um den Missbrauch? Gibt es entsprechende Bußliturgien? Wie oft beten wir mit unserer Wut zu Gott und fragen, was er uns sagen will?“ „Die ganze Kirche ist von ihrem Herrn aufgefordert, etwas gegen den Missbrauch zu tun.“ Das sei an biblischen Stellen festzumachen.

Grundsätzlich sei das Zölibat der Prieser nicht die Ursache für die sexuellen Übergriffe. Entscheidend sei, in welcher Situa-
tion Priester lebten, wenn sie etwa in Großgemeinden ihren Dienst leisten müssten und nicht beheimatet seien. Zollner, der auch Konsultor der vatikanischen Kleruskommission ist, sprach sich gegen die Ausbildung der Priester in Priesterseminaren aus: Das sei nicht mehr zeitgemäß.

Zollner betonte: Die sexualisierte Gewalt rührt „an den Kern des Vertrauens und der Vertrauensfähigkeit“: Wenn das Vertrauen in diejenigen zerbricht, die zu Gott führen wollen, zerbricht das Vertrauen auf Gott. Leider habe bislang die „Angst vor dem Skandal“ bei vielen Verantwortlichen mehr gewogen, als „den Schmerz darüber zuzulassen“.