16.01.2020

Erzbischof Koch beantwortet Fragen der Berliner KSG

„Maria oder Josef?“

Einfach mal alle Fragen stellen: Das konnten und taten die Mitglieder der Berliner Studentengemeinde Edith Stein und Stipendiaten des Cusanuswerks bei einem Gesprächsabend mit Erzbischof Heiner Koch.

„Ich habe mich gefreut, dass er ehrlich und direkt geantwortet hat“: Die Studentinnen Emilie Guffler (von links) und Johanna Stenz im Gespräch mit Erzbischof Heiner Koch.    Foto: Cornelia Klaebe

 

Rheinische Frohnatur oder Berliner Schnauze? Darauf antwortet Erzbischof Heiner Koch spontan immer noch so, wie es seinem Herkunftsort Düsseldorf entspricht: „Rheinische Frohnatur.“ Es ist eine der „Entweder – oder“-Fragen, die ihm Emilie Guffler und Johanna Stenz während des Diskussionsabends „Gott in Berlin?“ – von der Katholischen Studentengemeinde Edith Stein (KSG) und Stipendiaten des Cusanuswerks veranstaltet – zum Warmwerden stellen. „Maria oder Josef?“ Zur Antwort genötigt, entscheidet sich Berlins Oberhirte für Maria.

Das ganze Repertoire der Kirchenkritik
Im Hauptteil werden die Fragen nicht einfacher. Das ganze Repertoire der Kirchenkritik kommt durcheinander an die Reihe, so wie es die Interviewerinnen vorab vom Publikum eingesammelt haben. Lediglich die Finanzen fehlen. Den Hauptteil eröffnet das Thema Pastoraler Prozess: Wie soll die Kirche auf dem Land aussehen, soll der Glaube dort einfach nur „Raum gewinnen“? Das Land, bekennt der Erzbischof, die Bistumsregionen Brandenburg und Vorpommern, machen ihm mehr Sorgen als die Stadt. Schließlich gebe es im Erzbistum eine Pfarrei mit der Fläche des Erzbistums Köln, aber eben nur 2000 Gläubigen. „Wir suchen mit den Leuten auf dem Land nach Antworten.“
Themenwechsel. „Ist das verpasste offene Ansprechen des sexuellen Missbrauchs wieder gut zu machen?“ Nein, antwortet Koch. Ist es nicht. Aus Gesprächen mit Opfern aus dem Erzbistum weiß er: „So eine Wunde vergeht nicht.“ Dennoch zeigt er sich beeindruckt: „Ich habe noch nicht Einen erlebt, der die Kirche aggressiv verurteilt.“ Vielmehr sei auch vielen vom Missbrauch Betroffenen der Glaube an Gott weiterhin wichtig. „Aber vielleicht kommen die anderen auch nur nicht zu mir zum Gespräch.“
Neue Frage, neues Thema: „Regenbogenpastoral“ – warum es im Erzbistum keine gebe. Der Begriff löst zunächst einmal ein Schmunzeln aus, aber sofort wird Koch wieder ernst: Er komme mit Menschen, die nicht klassisch heterosexuell seien, ins Gespräch und sei auch zu Veranstaltungen gegangen, zu denen er eingeladen worden sei. Ihm sei gesagt worden: Als Christen sind wir in einer schwierigen Situation, fühlen uns in der Kirche nur schwer akzeptiert, aber genauso in unserer Community (engl. Gemeinschaft), wo man nicht versteht, warum wir noch katholisch sind. „Diese Zerrissenheit finde ich furchtbar“, sagt der Erzbischof. Eine Folgefrage befasst sich mit gleichgeschlechtlichen Ehen. Der Erzbischof betont, die Ehe sei für die Kirche weiterhin das Zusammenleben zwischen Mann und Frau, das auf die Empfängnis von Kindern gerichtet und unauflöslich sei. Dabei räumt er ein: „Mit dem Begriff der Ehe meinen wir inzwischen als Kirche etwas anderes als die Gesellschaft.“

ZUR SACHE
Neues Projekt für junge Leute

Bei der Andacht vor dem Gemeindeabend erbaten Hochschulpfarrer P. Max Cappa­bianca und Pastoralreferent Christian Andrees von der Jugendkirche sam vom Erzbischof den Segen für ihr neues Kooperationsprojekt „LAB[ora]“. Der „Coworking Space“, an dem sich junge Menschen treffen können, um mit anderen gemeinsam in einem Raum Hausarbeiten zu schreiben oder zu lernen, hat in den Räumen der KSG, Dänenstraße 17/18, Berlin-Prenzlauer Berg eröffnet. Immer mittwochs von 10 bis 16 Uhr ist geöffnet. „Und die Kaffeemaschine“, versprechen die Betreiber auf Instagram, „macht wirklich leckeren Kaffee.“

Das Publikum geht mit seinen Fragen nach der Öffnung der Runde zurück aufs weite Land, fragt vor allem, wie es in Zeiten des Priestermangels werden solle. Koch gibt zu, keine Patentlösung zu haben, aber: Kein Priester solle von einer Kirche zur anderen „hoppen“ , es sei aber zumutbar, am Samstag und Sonntag zwei Messen zu feiern. „Und danach sollen die Pfarrer nicht sofort wieder wegfahren, sondern mit den Menschen sprechen.“

Die Frage der Macht in Zukunft anders klären
Bei der anschließenden Frage nach der Öffnung des Priesteramts für die Frau erklärt der Erzbischof die kirchliche Argumentation: Der Mann steht für Christus und die Frau entspricht der Kirche. Er weiß aber auch, dass das „öffentlich schwer vermittelbar“ ist. Wichtig ist ihm, zu sagen: Die entscheidende Frage sei die der Verteilung der Macht innerhalb der Kirche. Die müsse diese in Zukunft „anders klären“.
Im weiteren Gespräch nimmt der Erzbischof vor allem die Sorge der jungen Leute um ihre Zukunft in der Berliner Kirche nach der KSG wahr: Viele fürchten, in den Ortsgemeinden keine Angebote, keine Heimat zu finden, nicht wahrgenommen zu werden. Das mitzunehmen in seine Pastoralgremien ist Kochs Versprechen an diesem Abend.
Den Absschluss bildet eine Runde „Sätze ergänzen“: „Wenn ich evangelisch wäre, dann …“ – „ … würde ich mich auch an Jesus freuen.“ Einen Lacher bringt am Schluss der Satz „Wenn ich eine Figur in  der Weihnachtsgeschichte wäre, wäre ich ...“ Denn anders als beim anfänglichen „Entweder – oder“ lautet diesmal die Antwort des Erzbischofs ganz entschieden: „Josef.“

Von Cornelia Klaebe