07.07.2022

Kontaktgruppe für früh verwaiste Eltern

Vater – Mutter – Sternenkind

Seit 20 Jahren erleben früh verwaiste Eltern in der Kontaktgruppe „Weiterleben ohne Dich“, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind. Dort können sie in ihrem Tempo trauern und Abschied nehmen.

Uta Altmann (links) und Maria Zucht stehen Eltern bei, die früh ein Kind verloren haben.    Foto: Andrea Wilke

Erster Dienstag im Monat, 20 Uhr – dann trifft sich in Erfurt die Kontaktgruppe früh verwaister Eltern. Seit 20 Jahren, kein einziges Mal ist ausgefallen, auch nicht, als Corona Treffen unmöglich machte. Denn es war und ist wichtig, Kontakt zu halten und das klappte auch mittels Handy oder per Zoom-Veranstaltung.
Die Mitglieder der Gruppe kommen und gehen. Einige bleiben länger, andere nur kurze Zeit, erzählen Uta Altmann und Maria Zucht. Beide haben vor 20 Jahren diese Kontaktgruppe ins Leben gerufen. Es waren die Erlebnisse in ihren jeweiligen Berufen, die sie diese Kontaktgruppe initiieren ließen. Uta, Hebamme, erzählt von den Müttern, die ihre Kinder in der Schwangerschaft, während der Geburt oder kurz danach verloren. Sie erzählt von dem unwürdigen Umgang mit den Müttern damals. Sie arbeitete ab 1973 in einer Frauenklinik. Das fehlende Feingefühl war jedoch nicht DDR-spezifisch, es fehlte deutschlandweit.
Erst viel später änderte sich der Umgang mit den Betroffenen. Inzwischen gibt es eine Sensibilität für sie. Krankenhäuser ermöglichen früh verwaisten Eltern heute gute Abschiedsformen von ihren Kindern. Auf vielen Intensiv-Frühgeborenstationen ist Eltern erlaubt, ihr Kind im Arm zu halten, wenn es stirbt. Aber damals sei der Umgang grottenschlecht gewesen, ohne Empathie, unmenschlich. Es herrschte eine Verdrängungskultur – nur nicht darüber reden. Wer dennoch über seinen Verlust sprechen wollte, wurde geächtet.
Auch Maria, die seit 1991 in der Caritas-Beratungsstelle für Schwangere und Familien als Beraterin arbeitet, kam mit den Nöten und dem Leid dieser Mütter und Väter, die so früh ihr Kind verloren hatten, in Berührung. „Hier muss etwas passieren“, waren sich beide Frauen einig. Denn ein Verlust zieht Trauer nach sich, und dieser muss Raum gegeben werden. So suchten beide Frauen, die auch ausgebildete Trauerbegleiterinnen sind, nach einer Möglichkeit, den Betroffenen in ihrer Trauer beizustehen und zu helfen.

Bei jedem Treffen eine Schulter zum Anlehnen
Bei den Maltesern liefen sie mit ihrem Anliegen offene Türen ein. Unter deren Dach entstand die Kontaktgruppe früh verwaister Eltern „Weiterleben ohne Dich“. Beim ersten Treffen im März 2002 kam eine Frau, die ihr Kind verloren hatte. Beim zweiten Treffen waren es schon zwei. Immer, bei jedem Treffen, waren und sind Uta und Maria mit dabei. Jeden ersten Dienstag im Monat, 20 Uhr. Seit 20 Jahren. Wenn sie erzählen, spürt man die Herzenswärme und Empathie für die betroffenen Eltern und auch ihre Professionalität, mit der sie sie in ihrem Trauerprozess begleiten. Sie sehen sich als „Geh-Hilfen“, als Krücken wie es landläufig heißt, für diejenigen, die an ihrem Verlust so schwer zu tragen haben. Genauso wie ein Kind das Leben seiner Eltern auf den Kopf stellt, genauso verändert auch ein Kind, das nicht lebend geboren wurde oder nur für kurze Zeit lebte, das Leben seiner Eltern. Der Verlust bedeutet nicht einfach nur zerplatzte Träume, sondern eine schmerzvolle Zäsur, eine Wunde, die ihre eigene Zeit zum Heilen braucht und immer eine Narbe hinterlässt.
„Trauern ist die Lösung, nicht das Problem“. Dieses Zitat der Trauerbegleiterin und Therapeutin Chris Paul prägt das Engagement  von Uta und Maria. Die Kontaktgruppe, die eine offene Gruppe (keine Therapiegruppe) ist und für deren Teilnahme es keine Anmeldung braucht, gibt den betroffenen Eltern einen wichtigen Raum für ihre Trauer. Überwiegend sind es Mütter, die kommen, manchmal auch Paare. Hier finden sie den Rückhalt, um zu trauern, zu weinen; hier dürfen sie den Namen ihres Kindes aussprechen und erfahren die Anerkennung ihrer Würde als Mutter und Vater. Hier sagt niemand, dass es jetzt aber mal gut sein müsse mit der Trauer, hier gibt es keinen hilflos-billigen Zuspruch, dass man noch jung genug sei, um doch noch ein Kind zu bekommen. Bei den Treffen hat sich über die Jahre ein Ritual entwickelt. Zu Beginn wird ein Stück Holz in der Hand gehalten, das zusammengelegt mit denen der anderen, einen Stern bildet. In jedem Holzteil ist eine Aussparung für eine Kerze. Diese wird angezündet und dabei wird der Name des Kindes genannt. Weinen, schweigen, alles ist erlaubt. Es wird darüber gesprochen, wie es einem geht, wie es in der Familie aussieht ... Manchmal sind es diese Gespräche, die das Treffen bestimmen, manchmal bieten Uta und Maria bestimmte Themen an. Das entscheidet sich je nach Situation des Treffens.

Betroffene entscheiden, wie lange sie kommen
Wie lange jemand die Kontaktgruppe besucht, ist unterschiedlich. Es gibt welche, die kommen über eine längere Zeit. Es gibt aber auch diejenigen, die nur einmal kommen und dann sagen: Ihr habt mir geholfen, man kann es überleben. Die meisten kommen zur Gruppe, wenn der Verlust noch nicht so lange zurückliegt. Uta und Maria erzählen aber auch von Müttern, die erst nach vielen Jahren kamen.
Nicht nur reden ist wichtig, sondern auch, etwas zu tun. Zum Beispiel gemeinsam töpfern, therapeutisches Malen oder Grabgestecke herstellen. Für den zweiten Sonntag im Dezember, dem „worldwide candle lighting“ (weltweiten Kerzenleuchten), an dem verwaiste Eltern abends um 19 Uhr eine Kerze am Fenster entzünden, damit diese Lichterwelle einmal um die Erde geht, basteln sie gemeinsam eine Kerze für ihr Kind. Das macht etwas mit den Müttern, sagt Maria. Aber man dürfe auch die Väter nicht vergessen, die anders trauern. Sie leiden oft darunter, dass sie sowohl ihr Kind als auch ihre Frau nicht beschützen konnten.

Besonderer Ort des Andenkens geschaffen
Uta und Maria haben viel zu erzählen. Geschichten von Menschen, die ihren Weg mit der Trauer gefunden haben; von Menschen, die den Mut für ein weiteres Kind fanden; von Partnern, die der Verlust sprachlos gemacht hat und die wieder miteinander reden konnten. Sie erzählen vom Regenbogengrab auf dem Erfurter Hauptfriedhof, das sie mitinitiiert haben und bei dessen Pflege sich verwaiste Eltern engagieren. Zweimal im Jahr werden dort Kinder bestattet, deren Geburtsgewicht unter 500 Gramm lag. Die Tücher, in denen sie eingeschlagen sind, haben in etwa die Größe eines Briefumschlages; die liebevoll gebastelten Schächtelchen mit einem Spruch darin sind nur unwesentlich größer als die Schmuckschatulle für einen Ring. Es gibt das Doppelherz aus Stoff, von dem eines dem Kind beigelegt wird, während das andere bei den Eltern bleibt. Kleine gestrickte Mützchen und Strümpfchen, die das Kostbare, das die früh verwaisten Mütter und Väter verloren haben, bergen.
Der künstlerisch gestaltete Regenbogen auf dem Grab mit seinen bunten Farben ist der stille Verweis auf ein Dahinter, auf ein Darüberhinaus des irdischen Lebens. Für Uta und Maria ist das ein tragender Grund für ihr Engagement. Jetzt, nach 20 Jahren, möchten sie altersbedingt die Verantwortung in jüngere Hände legen. Nicht abrupt, aber doch allmählich. Sandra Fricke, die vor 18 Jahren als früh verwaiste Mutter zu ihnen kam, steigt mit ein. Sie möchte von dem, was sie an Hilfe erfahren hat, etwas zurückgeben und hat eine Ausbildung als Trauerbegleiterin und Beraterin  absolviert.
Am 9. Juli wird es in Erfurt auf dem Petersberg im Bürgergarten von 14 bis 17 Uhr einen Begegnungstag geben. Herzlich willkommen sind natürlich früh verwaiste Eltern, Geschwisterkinder und Verwandte. Aber auch am Thema Interessierte sind herzlich eingeladen. Es wird unter anderem eine lange Tafel geben und wer möchte, kann Speisen mitbringen.

Weitere Informationen: www.verwaiste-eltern-erfurt.de

Von Andrea Wilke