16.04.2020

Beitrag von Eremit Pater Jürgen Knobel

Einsamkeit: Chance und Luxus

Aufgrund der Kontaktbeschränkungen leiden in diesen Tagen viele Menschen unter Einsamkeit. Einsamkeit bietet aber auch Chancen, meint der Eremit Pater Jürgen Knobel, der in Lindow in Brandenburg lebt, im folgenden Beitrag.

Auch wenn Technik helfen kann, Einsamkeit ist für viele Menschen in diesen Tagen ein Problem. Man kann sie aber auch als Chance begreifen, meint Pater Jürgen Knobel.    Foto: imago images/IP3press

 

„Vielerlei brauche ich zu einem erfüllten Leben: Freunde, mit denen ich Glück und Unglück teilen kann, leidenschaftliche Liebe, geistige Ansprache und den Luxus der Einsamkeit.“ Bevor ich mich anschickte, diesen Artikel zu schreiben, fiel mein Blick auf die oben stehenden Worte von Anne Ranasinghe.
Die 2016 in Colombo verstorbene, jüdisch–sri-lankische Schriftstellerin gehörte zu den bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart. Ihre Gedanken befanden sich auf  meinem Tageskalender und schienen mir auf den Punkt zu bringen, was für viele Menschen in der Corona-Krise wichtig ist: Freunde, mit denen ich Glück und Unglück teilen kann, wenn auch in vielen Fällen momentan nur per Telefon oder über die neuen Medien – eine Möglichkeit, die es zu früheren Zeiten nicht oder nur eingeschränkt gab. Liebe, die einen davor bewahrt, sich in Zeiten der Bedrängnis von defizitären Affekten und Gefühlen gefangen nehmen zu lassen. Geistige Ansprache, von Menschen, die über sich und die zeitlich forcierten Schicksalsschläge hinausblickend, Horizonte ewiggültiger, geistlicher Wahrheiten berührten, – die uns aufrichten, wo wir mutlos werden wollen. Schließlich auch die Einsamkeit, die für so viele Menschen – weil erzwungen – schwer zu ertragen ist, aber dennoch eine Chance in sich trägt und von der Lyrikerin sogar als „Luxus“ bezeichnet wird.
 
„Türöffner“ für grundlegende positive Erfahrungen
Die Dichterin bringt in ihren Versen zum Ausdruck, dass wahre Freundschaft, Liebe, das Geistige und die Einsamkeit zusammenhängen und essenziell unser Menschsein ausmachen. Was die Einsamkeit anbelangt, waren und sind sich die geistigen Lehrer aller Religionen einig, dass sie der „Türöffner“ ist für grundlegende positive Erfahrungen über sich selbst, über das Geheimnis der Schöpfung und in Verbindung mit Stille, über Gott.
Unser Glaube und Gebet finden sich oft in einer Welt voller Entfremdung und zunehmender Beziehungslosigkeit wieder. Familien befinden sich existenziell in einer Welt höchster Ansprüche und unzähliger Vereinnahmungen. Wo bestehen Räume für bewusstes geistliches Leben und Gotteserfahrung? Wo kommt der Mensch überhaupt wieder zu sich selbst? Die Kirche versucht ihrer Sendung treu zu bleiben in einer Gesellschaft, die vibriert vor Aktivität und Unruhe, doch die religiöse Botschaft, ist in ihrem Wesen nur aus einer kontemplativen Haltung heraus – zu der die partielle Einsamkeit/Stille gehört – wirklich verständlich und erfahrbar. Ein Großteil der Worte Gottes wird in der Verkündigung in die Dornen, auf den Weg oder auf die Felsen  gesät, wo sie keine Frucht bringen kann. Der gute Acker ist rar geworden (vergleiche Markusevangelium 4,3-9).
Von Gott sprechen, über Gott nachdenken heißt, von dem Geheimnis oder Ursprung zu sprechen, aus dem wir Menschen als vielfach abhängige Wesen hervorgegangen sind. Die meisten Menschen  haben eine  Vorstellung, Gedanken und Ansichten über Gott, (die Welt und sich selbst), doch das „Bild“ das ihnen hilft, sich Gott vorstellbar, greifbar zu machen, verstellt gleichzeitig  die unmittelbare Erfahrung der Wahrheit. Zum Schluss bleiben wir bei Bildern stehen, oft bei allzu vertrauten.
Um was für eine Wahrheit geht es? Der Weg zur Erkenntnis göttlicher  Wahrheit geht über drei Pfade: Erstens: Es gibt jemanden, der finden will. Es geht dabei um uns. Hier ist die Frage: „Wer bin ich wirklich?“ (Hinter all meinen Masken, Denkgewohnheiten, Ansichten ...) Zweitens: Es gibt jemanden, der gefunden werden will. Dabei geht es um Gott. Hier ist die Frage: „Wer bist du (Gott) wirklich?“  Eventuell: „Wer bist du mir - hinter all den gemachten, übertragenen und konditionierten Gottesbildern?“ Drittens: Es gibt einen Ort an dem diese Suche stattfindet. Es geht dabei um unseren konkreten Lebensort, einen Ort, in den ich schicksalshaft hineingestellt bin. Dann aber auch im größeren Zusammenhang um die Lebenskultur, die Gesellschaft, in der ich lebe und im letzten um die grundsätzliche Wirklichkeit dieser Welt und ihrem Geheimnis. Hier ist die Frage: „Was ist diese Welt, in die ich hineingeboren wurde und lebe, wirklich?“ Diese drei Fragen sind die Voraussetzung, sich dem Geheimnis Gottes zu nähern und sie gehören so zusammen wie Wurzel, Stamm und Krone eines Baumes. Neue Antworten zu erhalten, dem geht voraus, neu Fragen zu stellen, mit der Offenheit eines unverstellten Herzens. 
 
Möglichkeit zu einer vertieften Innerlichkeit im Glauben
Die wegen der Pandemie weitestgehend geschlossen Kirchen; die völlig neuartige und natürlich auch leidvolle Situation ausfallender öffentlicher Gottesdienste – gerade zu Ostern – stellen für uns eine Herausforderung dar, die auch Chancen beinhaltet. Nutzen Sie die Krisenzeit als Möglichkeit zu einer vertieften Innerlichkeit im Glauben durch Gebet, Schriftlesung und Meditation. Aus meiner Lebenserfahrung als Eremit weiß ich, dass ein entspannter, gut strukturierter Tagesablauf einen Rhythmus schafft, der trägt und körperlich wie geistig wohltut. Das Einüben von Verzicht und das Lassen von kompensatorischen Gewohnheiten, bedürfen einer Übung und der damit verbunden Anstrengung. Belohnt wird man durch einen Zuwachs an innerer Stärke, Klarheit und Zunahme der geistigen Seite unseres Lebens.

Weitere Informationen im Internet: www.eremitage-am-see.de