30.10.2020

Der Pirnaer Gemeindereferent Benno Kirtzel hat sich Gedanken zum Thema Gemeinde gemacht und lädt zur Diskussion ein:

Das Ende des Erbens

Kirche – das ist für viele zuerst die Pfarrgemeinde. Vieles ist in unseren Gemeinden selbstverständlich, weil es schon immer so war. Dann kam Corona. Und die leeren Kirchen. Und mancher ahnt, dass das vielleicht gar keine so große Ausnahme ist. Der Pirnaer Gemeindereferent Benno Kirtzel hat sich Gedanken gemacht und lädt zur Diskussion ein:


Einst galt das Eigenheim als Höhepunkt aller Sicherheit und allen Wohnkomforts. Wie viele Elternhäuser werden heute nicht mehr bewohnt und stehen zum Verkauf, weil die Kinder andere Vorstellungen haben oder alle paar Jahre der Arbeit hinterherziehen müssen? – Vielleicht ist auch die geerbte Form, den Glauben in der Pfarrgemeinde zu leben, ähnlichen Veränderungen ausgesetzt wie das weltliche Erbe: Gemeinde ist nicht mehr selbstverständlich!

Im Corona-Sommer hatte ich als Theologe in der Praxis etwas mehr Zeit, um das zu tun, was das „Tagesgeschäft“ sonst verhindert: Innehalten und auf das blicken, was gerade unter hohem Energieaufwand und oft schlechter Stimmung läuft: Strukturen erhalten und mit Leben füllen. Nur was, wenn das Leben für die Strukturen nicht mehr ausreicht? Wenn die leeren Kirchen und Gemeinderäume, die wir als Ausnahme betrachten wollen, unsere Zukunft sind?


Ähnlichkeiten mit der Vereinskultur des 19. Jahrhunderts
Selbstverständlich habe auch ich Ortsgemeinde erlebt, in aller Lebendigkeit. Und Gemeinde hat durchaus gute theologische Gründe: so wird der Christ in einer konkreten Gemeinde – am besten während der Sonntagsmesse – getauft. Auch die Liturgie wird von allen versammelten Gläubigen getragen und ist keine virtuelle One-Man-Show.
Dabei ist allerdings die Vorstellung der territorial klar umrissenen Gemeinde der Vereinskultur des 19. Jahrhunderts näher als heutigen Netzwerken. Die Geschichte der Ortsgemeinden in unserer mitteldeutschen Diaspora ist sich oft recht ähnlich und beginnt weitgehend in eben diesem 19. Jahrhundert. Es ist eine Zuzugsgeschichte. Katholiken kamen aus Böhmen und Schlesien als Arbeitskräfte zur Industrialisierung, als Geflüchtete nach dem Zweiten Weltkrieg, sowie in den Städten seit 1990 aus „katholischen“ Gebieten vom Rheinland bis Polen. Die Geschichte der genutzten Räume ist sich ebenso ähnlich: Zuerst trifft man sich in Wohnungen, dann erbittet man einen Pfarrer für den Nebenraum der Kneipe zur ersten heiligen Messe. Später baut man eine Kirche und/oder Schule. Wir haben also die Immobilien, Dienstpläne und Vorstellungen von Gemeindeleben aus einer Zeit des großen Andrangs geerbt. Gemessen an den aktiven Gläubigen sind wir vielerorts aber zahlenmäßig wieder im Nebenraum der Kneipe.
Ist das ein Problem? So sehr ich die Erhabenheit unserer Kirchenbauten schätze: Ich mag die Offenheit und Unkompliziertheit einer Kneipe. Ich würde sogar sagen, dass ich schon intensiver in Kneipen über Gott und die Welt geredet habe als auf dem Kirchhof.
Glaube ist heute nicht mehr zuerst Erbe, sondern persönliche Entscheidung. Für diejenigen, die Gemeinde über Jahrzehnte unter großem Einsatz getragen haben, und für die, die das „Erbe Gemeinde“ angetreten haben, ist das ein Affront. Es fühlt sich an, als stehe das Lebenswerk in Frage: das gegen alle Widerstände selbst gebaute Pfarrhaus, die 30 Jahre lang geleitete Kinderfreizeit, die liebevoll gepflegte Sakristei. Der „Generationenvertrag der Gemeinde“ funktioniert nicht mehr: Die Jüngeren übernehmen nicht in gleichem Maß die Aufgaben und Lasten der Älteren. Die lebenslang eingezahlte „gemeindliche Rente“ reicht oft nicht mal für die Grundsicherung. Das macht traurig. Oder wütend.
Das kann bis hin zu einer geistlichen Lähmung führen. Viele Suchende sind deshalb außerhalb unserer katholischen Gemeinden unterwegs. Ihre sich aus frischer Begeisterung speisende riesige Kraft geht so der Institution Kirche verloren. Aber ein Wald, der sich nicht aus Jungpflanzen erneuert, stirbt ab.


Zwei Krankheiten: Milieuverengung und Clanstruktur
Das Ende des Erbens kann uns jedoch auch von zwei Krankheiten heilen, die mit dessen Logik einhergehen: Milieuverengung und Clanstrukturen. Die Logik des Erbens hält den Besitz zusammen, mehrt und hegt ihn statt ihn zu verteilen. Vererbt wird innerhalb einer Familie. Und Familie funktioniert bedingungslos integrierend nach innen („Du bist mein Kind und gehörst zu uns“), aber notwendig abgrenzend nach außen. Besonders in Diasporagemeinden mit DDR-Vergangenheit kann dies ausgeprägt sein: Zusammenhalt nach innen und Schutz nach außen. Und vor lauter Abgrenzung vergisst man manchmal, ernsthaft nachzuschauen, ob „die Welt“ noch so böse ist wie vor 1989.
Dieses Unter-Sich-Bleiben führt dazu, dass wir von den vielfältigen Sinus-Milieus in klassischer Gemeinde zahlenmäßig bis zu vier wiederfinden (Traditionelle / Konservativ-Etablierte / Bürgerliche Mitte / teilweise Sozialökologische) die restlichen sechs (vom Prekären bis zum Performer) jedoch kaum. Aus der Unterschichtsbewegung Jesu ist ein Mittelstandskatholizismus geworden.
Wird dann in Gemeinde auch noch verstärkt untereinander geheiratet, ergibt sich eine Großfamilie, ein Clan. Meine Jugendgruppe war mehr oder weniger weitläufig fast komplett miteinander verwandt und verschwägert. Der Diasporakatholizismus: eine Familie, ein Clan. Super, wenn man dazu gehört. Schwierig, wenn nicht. Haben Sie einmal probiert, in familiär aufgebauten Gemeinden als Fremder nach dem Gottesdienst ein Gespräch zu finden? Es gibt wohl keinen Bereich der Welt, der cliquenhafter ist als ein Kirchhof.
Nicht falsch verstehen: Es ist gut, dass es unsere Gemeinden gibt und es wird sie auch weiter geben. Den Untergangsgesängen stehen auch positive Bewertungen entgegen. Es ist nicht so, dass „die Gemeinde“ meint, es solle sich nichts ändern. Und es bleiben große soziale Schätze wie der direkte Kontakt über Generationen und politische Ausrichtungen hinweg oder die Möglichkeit zur Bildung der entwicklungspsychologisch hochwichtigen „Kinderbanden“ und „Andersorten“ für die Jugend. Und noch zentraler kann Gemeinde eine Verortung und Verstetigung des lebenslangen Gotteskontaktes sein. Jedoch nur, wenn die Betreffenden dies auch wollen und sich willkommen fühlen als Menschen. Die Entscheidung zur Beteiligung an Gemeinde fällt subjektiv und zeitökonomisch: Wie viel Lebensverbesserung bekomme ich für wie viel Zeiteinsatz?
Dennoch werden die Gemeinden nicht mehr der alles zusammenfassende Punkt sein. Sondern ein Punkt unter mehreren kirchlichen Orten und informellen Gruppen. Wenn auch ein wichtiger. Neu ist das nicht, denken wir nur an die Orden, Klöster und die Gebiete der Weltkirche, in denen pfarrliche Strukturen aufgrund ihrer Größe kaum eine Rolle spielen.


Die Letztverantwortung für die Existenz der Kirche hat Gott
Zwingen wir deshalb also nicht alles Suchen in unser Denkmuster Gemeinde hinein. Denken wir nicht, unsere Gemeinde-Kirche sei eigentlich das Richtige und hätte nur eine Image- und eine Immobilienkrise. Es endet die Ära der selbstverständlichen Gemeinde, nachdem die Ära des selbstverständlichen Glaubens schon lange zu Ende ist. Das ist kein spiritueller und moralischer Verfall, sondern kann sogar als Gottes Wirken in der Geschichte begriffen werden. Dieser Gedanke nimmt uns die Panik. Die Letztverantwortung für die Existenz der Kirche haben nicht wir, die hat Gott.
Wir könnten also mutiger, entspannter und spielerischer sein. Sicher wird es noch katholische Gemeinschaft geben, aber gesucht und nicht geerbt. Vielleicht an den Kirchen. Vielleicht aber auch in der Kneipe, auf dem Markt oder dem Radweg. Wenn die Frage nach Gott existenziell wird, wird die Form nebensächlich.


Diskutieren Sie mit ...
Wie erleben Sie Gemeinde?  Warum war und ist sie Ihnen wichtig? Welche Veränderungen stellen Sie fest? Ist vielleicht das Ende der Gemeinde-Kirche gekommen? Und werden an ihre Stelle neue Formen treten, in denen Christen gemeinsam ihren Glauben leben? Oder braucht es nur größere Anstrengungen, um die Pfarrgemeinde in die Zukunft zu retten? Schreiben Sie uns Ihre Meinung: tdh@st-benno.de