23.07.2020

Eisenhüttenstadt sollte erste sozialistische Stadt Deutschlands werden

Kein Platz für Kirchen

Vor 70 Jahren wurde der Grundstein für den Bau des Eisenhüttenkombinates Ost gelegt. Die dazu gehörige Stadt sollte die erste sozialistische Stadt Deutschlands werden – ohne Kirchen, versteht sich.

Eisenhüttenstadt wurde in der DDR als sozialistische Musterstadt rund um das EKO-Stahlwerk errichtet. Heute ist es eines der größten Flächendenkmäler in Deutschland – ein Denkmal für den Traum vom Sozialismus.Für die Kirchen – oder die „Bürgerlich-kapitalistische Verdummungseinrichtungen“, wie Walter Ulbricht sie nannte – war dabei wenig Platz.    Foto: imago images/epd

 

Es waren Aufbruchzeiten: Im Juli 1950 hielt die SED in Ost-Berlin ihren dritten Parteitag ab, den ersten nach Gründung der DDR. Der erste Fünfjahresplan wurde beschlossen, der Abriss des Berliner Stadtschlosses – und die Gründung des „Eisenhüttenkombinats Ost“ nahe der polnischen Grenze. Es sollte die junge DDR unabhängig machen von Stahlimporten.
Bereits kurz nach dem Parteitag vom 20. bis 24. Juli ging es los: Der symbolische erste Axthieb für das Großprojekt bei Fürstenberg an der Oder wurde am 18. August gesetzt, am Neujahrstag 1951 der Grundstein für den ersten Hochofen gelegt. Und es wurde eine Wohnstadt für das EKO-Stahlwerk geplant, die nach dem Willen der SED die „erste sozialistische Stadt Deutschlands“ werden sollte.
Walter Ulbricht gab das Programm vor: „Bürgerlich-kapitalistische Verdummungseinrichtungen“ sollte es in der neuen Stadt nicht geben. Kirchen waren nicht vorgesehen. Nur zwei Gebäude mit Türmen waren geplant – ein Rathaus und ein Kulturhaus mit einem „noch schöneren Turm“. So kündigte es der DDR-Parteichef in seiner als „Turmrede“ bekanntgewordenen Ansprache an, als die entstehende Siedlung 1953 den Namen „Stalinstadt“ bekam.

Die DDR als „bessere Alternative“
Die ersten drei modernen Wohnkomplexe wurden bis 1957 errichtet. Der Aufbau des Kombinats und seiner Wohnstadt wurde in der DDR ausgiebig publizistisch begleitet. „Es ging um die Präsentation beispielhafter Fortschritte im ersten Fünfjahrplan“, hat es der Historiker Andreas Ludwig zusammengefasst, der nach der Wiedervereinigung in Eisenhüttenstadt das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR aufgebaut hat. Die DDR habe als „bessere Alternative in gesamtdeutscher Ausrichtung“ dargestellt werden sollen.
Auch die Kultur war mit dabei. „Achtung, Achtung, West-Berlin, hier gibt‘s Arbeit“, zitiert Ludwig aus der Chorkantate „Eisenhüttenkombinat Ost“, die 1951 von Hans Marchwitza und Ottmar Gerster verfasst wurde. Und: „Notiert Genossen, E.K.O. stellt noch ein.“ Romane und weitere Musikstücke über das Stahlkombinat und seine Stadt folgten.
Die Wohnkomplexe I bis IV wurden als „sozialistische Idealstadt“ gebaut. Doch Materialmangel und fehlende Arbeitskräfte kündigten bald wirtschaftliche Schwierigkeiten an. Die späteren Wohnkomplexe fielen dann bescheidener aus und wurden überwiegend als Plattenbauten in industrieller Bauweise errichtet.
Die Kirchen waren trotz der widrigen Umstände aktiv. 1954 gab es seitens der SED die Genehmigung, eine Baracke für die evangelische und eine für die katholische Kirche zu errichten. Während die Wohnungen für die Stalinstädter immer komfortabler wurden, blieben die Baracken jahrzehntelange Heimstatt der Kirchen.

 

In Eisenhüttenstadt stößt man vielerorts auf die Hinterlassenschaften des Sozialistischen Realismus. Das Foto zeigt eine Bleiverglasung aus einer Kinderkrippe, heute Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR.    Foto: imago images/Hohlfeld

 

Statt Taufe sozialistische Namensgebung
Sozialistische Modellstadt hieß auch – hier wurden früh kirchliche Rituale kopiert und umfunktioniert. Bereits in den 60er Jahren nahmen alle jungen Leute eines Jahrgangs an der Jugendweihe teil. Ziel war es zunächst, neben Konfirmation und Firmung auch die Taufe zu ersetzen, und zwar durch die so genannte sozialistische Namensgebung. Erst in den 70er Jahren wurde das Klima für die christlichen Kirchen in Eisenhüttenstadt allmählich besser.
1961 wurde Stalinstadt in Eisenhüttenstadt umbenannt, 1986 die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft mit Saarlouis geschlossen. Zu Hoch-Zeiten haben im Stahlwerk rund 16 000 Menschen gearbeitet, inzwischen sind es nur noch rund 2500, das Werk gehört jetzt zum Konzern ArcelorMittal. Tausende Stahlarbeiter verloren zu Wendezeiten ihren Arbeitsplatz. In der Stadt habe damals eine „Atmosphäre der Angst“ geherrscht, hat es eine frühere Einwohnerin einmal beschrieben.
Die Einwohnerzahl sank von mehr als 50 000 auf deutlich unter 30 000. Mehr als 6000 Wohnungen wurden wegen Leerstands abgerissen, die frühen Wohnkomplexe I bis III stehen inzwischen unter Denkmalschutz. Und Eisenhüttenstadt ist heute eines der größten städtebaulichen Flächendenkmäler der Bundesrepublik.
Die Stadt sei wie das „Bilderbuch einer sozialistischen Idealstadt, ein Gesamtkunstwerk“, sagt Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg: „Sie können noch heute in Eisenhüttenstadt den Traum vom Sozialismus erleben.“ Städtebau und Architektur zeigten zugleich, wie die DDR gedacht habe – und wie es der DDR tatsächlich ging.
Die in der DDR legendäre Großgaststätte „Aktivist“ ist heute Sitz der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft. In einer ehemaligen Kindertagesstätte im Wohnkomplex II ist das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR untergekommen. Das „Haus der Parteien und Massenorganisationen“ ist zum Rathaus geworden. Und die Schule I der Stadt, vor der Ulbricht einst den Namen Stalinstadt ausrief, heißt jetzt Astrid-Lindgren-Schule.

Von Yvonne Jennerjahn
 

Zur Sache: Denkmal Eisenhüttenstadt
„Eisenhüttenstadt hat das Alleinstellungsmerkmal einer nahezu vollständig erhaltenen sozialistischen Planstadt“, sagt Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg. Die Stadt sei nach 1989 vorbildlich saniert worden. „Wir können an Eisenhüttenstadt ablesen, wie sich die DDR eine sozialistische Stadt vorgestellt hat. Und gleichzeitig existieren zeitgemäße moderne Bedingungen.“ Der Städtebau sei „wie das Bilderbuch einer sozialistischen Idealstadt“, in der man bis heute „den Traum vom Sozialismus erleben“ könne.
Zusammen mit dem Bau des Eisenhüttenkombinats Ost entstand eine Wohnstadt für das Werk. Über die Jahre wurden sieben moderne, große Wohnkomplexe für das Stahlwerk. errichtet. 1953 erhielt die Siedlung den Namen Stalinstadt, 1961 wurde sie in Eisenhüttenstadt umbenannt. Heute stehen große Teile der Stadt unter Denkmalschutz.
Nach 1989 habe sich Eisenhüttenstadt neu erfinden und mit völlig anderen Bedingungen klarkommen müssen, so Drachenberg: „Wir haben viele Diskussionen um drohende Abrisse gehabt.“ Der Denkmalschutz habe jedoch „immer willensstarke Partner in der Stadt“ gehabt, die für sie gekämpft hätten. „Zurückblickend hat Eisenhüttenstadt für wichtige Bauwerke intelligente Umnutzungskonzepte entwickelt und umgesetzt.“ Im vergangenen Jahr habe die Stadt beim Deutschen Städtebaupreis eine Belobigung für die Stärkung der Innenstadt bekommen, „auch weil sie die gebaute Geschichte bewahrt und weiter entwickelt hat“.
 
(epd)