22.04.2021

Geschichte der Katholiken in Ostthüringen

„Wolf in der Herde des Protestantismus“

Zum Bistum Dresden-Meißen gehört auch ein Teil von Ostthüringen, insbesondere Gera. Die Geschichte der dortigen Pfarreien war jetzt Thema einer Veranstaltung anlässlich des Bistumsjubiläums.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Thüringen ein Sammelsurium zahlreicher Klein- und Kleinststaaten, von denen viele kleiner waren als die heutigen Landkreise. Gemeinsam hatten diese Staaten, dass mit der Reformation das katholische Leben weitgehend erloschen war. Katholiken gab es höchstens als Personal an den Fürstenhöfen, als Dienstboten oder als Geschäftsleute.
Gera, die Hauptstadt des Fürstentums Reuß jüngere Linie, zählte im Jahr 1868 immerhin schon 128 Katholiken unter den rund 16 000 Einwohnern. Neben den Zuzügen in die Residenzstädte setzte zu dieser Zeit auch die Industriealisierung ein, in deren Folge katholische Arbeiter in die Region kamen. Wie dadurch neues katholisches Leben in der Region entstand, darüber informierte der katholische Theologe Martin Gebhardt (Kranichfeld) auf einer Online-Veranstaltung der Ökumenischen Akademie Gera. „Wolf in der Herde des Protestantismus. Katholiken in Ostthüringen am Ende des 19. Jahrhunderts“ war der Titel des Vortrags auf Grundlage seiner Promotion, in der er sich mit dem Thema beschäftigte.

Wurzeln in preußischer Militärseelsorge
Die Wurzeln des nachreformatorischen katholischen Lebens in Gera liegen in der preußischen Militärseelsorge. Im nahegelegenen Zeitz gab es in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Heinrich Hundt einen Seelsorger für die katholischen preußischen Soldaten. Von den damals über 120 Katholiken in Gera waren allerdings nur zwei Soldaten. Der katholische Adjutant des protestantischen Fürsten Reuß wandte sich an Pfarrer Hundt mit der Bitte, regelmäßig in Gera Gottesdienste zu halten. Hundt kam dieser Bitte nach und feierte am 11. April 1869 den ersten katholischen Gottesdienst in Gera nach der Reformation. Die Gottesdienste wurden allerdings schon drei Jahre später wegen mangelnder Besucher wieder eingestellt.

Die Suche nach einem Gottesdienstort hatte seinerzeit zu einer heftigen öffentlichen Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen geführt, dem sogenannten Geraer Zeitungsstreit. Hundt wollte die Gottesdienste in der evangelischen Waisenhauskapelle feiern. Der zuständige Kirchenrat lehnte das allerdings ab. Die Protestanten fürchteten, die Katholiken würden in der Stadt missionieren und standen ihnen deshalb feindlich gegenüber. Man dürfe den „Wolf in Schafskleidern“ nicht in die protestantische Herde einbrechen lassen, hieß es. Auch ein Stadtrat forderte öffentlich, einen solchen Feind in Gera nicht aufzunehmen. Dieser Streit eskalierte wohl auch deshalb besonders, vermutet Martin Gebhardt, weil er in die Zeit des ersten Vatikanischen Konzils fiel, bei dem die katholische Kirche ihre Position etwas mit der Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit festigen wollte. Ein Teil dieses Streites wurde mit Briefen in der damaligen Geraer Zeitung ausgetragen, was zu entsprechenden Reaktionen in der Bevölkerung führte, zum Beispiel in Form eines Dankschreibens überzeugter Protestanten.
In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts – Gera entwickelte sich zu einem Industriezentrum – wurden die Katholiken von Rudolstadt aus betreut. Der dortige Pfarrer Heinrich Bechem sorgte für regelmäßige Gottesdienste und die Gründung eines katholischen Vereins. Um die sich in Gera bildende neue Gemeinde in die kirchlichen Strukturen einzubinden, wandte sich Pfarrer Bechem an den Paderborner Bischof Konrad Martin. Welcher Bischof für die Region zuständig war, ließ sich seinerzeit nicht einfach ermitteln, weil nach der Reformation in der Region auch keine katholischen Strukturen mehr bestanden. Pfarrer Bechem war Paderborner und Konrad Martin sorgte sich auch andernorts in den thüringischen Kleinstaaten um das wieder entstehende katholische Leben. Dem Fürsten von Reuß allerdings gefiel das nicht. Er sorgte für die Zuordnung Geras zum Apostolischen Vikariat Sachsen mit Sitz in Dresden. So erklärt sich die bis heute für Verwunderung sorgende Zuordnung der Ostthüringer zum Bistum Dresden-Meißen und nicht Bistum Erfurt.

Von Matthias Holluba