06.06.2021

Das Bild der Kernfamilie in der Bibel

Ein Ort der Liebe

Auch in der Herkunftsfamilie Jesu, zeigt das Evangelium dieses Sonntags, gab es nicht nur Harmonie. Das ideale Familienbild hat sich in den Jahrtausenden gewandelt. Was im Kern dennoch bleibt, erläutert Professor Klaus Stüwe.

Eine Familie sitzt an eine Tisch und spielt.
Das klassische Familienmodell entspricht nach wie vor den Wünschen und Lebenszielen der meisten Menschen.

Herr Professor Stüwe, die Schilderung aus dem Markusevangelium kann irritieren. War die Heilige Familie vielleicht gar nicht so heilig?

Das Idyll der „Heiligen Familie“ hat mit der biblischen Überlieferung möglicherweise nicht viel zu tun. An mehreren Stellen des Neuen Testaments wird deutlich, dass es in der Familie Jesu nicht immer harmonisch zugegangen ist. Wie in allen Familien gab es Konflikte. Diese sind im Grunde unvermeidlich und auch notwendig für die Entwicklung eines Kindes. Andererseits war da aber auch der Anspruch Jesu, Sohn des himmlischen Vaters zu sein. Seine radikale Botschaft brachte ihn dazu, sich den festgelegten sozialen Rollen seiner Zeit zu entziehen, seine irdischen Eltern zu verlassen und mit seinen Jüngern gewissermaßen eine neue Familie zu gründen. Dies kann man nur theologisch deuten und es lässt sich nicht mit familienwissenschaftlichen Maßstäben beurteilen.

Was war das Familienideal der damaligen Zeit? 

In der Antike galt die Familie als die bedeutendste soziale Einheit, die viele gesellschaftliche und auch religiöse Funktionen innehatte. Das lateinische Wort „familia“ bedeutet so viel wie „Hausgemeinschaft“. Dazu gehörten alle Menschen, die im Hause lebten. Auch die Großeltern, unverheiratete Tanten oder Gehilfen zählten zur Familie. Ehen wurden häufig von den Eltern vereinbart und vor allem aus materiellen Gründen geschlossen, was Gefühle der Liebe oder Zuneigung zwar nicht ausschloss, aber nicht zur Grundlage der Beziehung zwischen den Eheleuten machte. Die jüdische Gesellschaftsordnung war überdies streng patriarchalisch. Der Mann und Vater hatte innerhalb der Familie eine starke Stellung.

Wie hat sich das ideale Familienbild seitdem gewandelt?

Professor Klaus Stüwe
Klaus Stüwe ist Direktor des Zentralinstituts
für Ehe und Familie in der Gesellschaft und
lehrt Vergleichende Politikwissenschaft an
der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war in vielen Kulturen das Bild der Familie wie in der Antike eher als große Hausgemeinschaft zu verstehen. Im 19. Jahrhundert entstand dann im europäischen Kulturkreis im wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertum die bürgerliche Kleinfamilie als verbreitete Form der Familienorganisation. Diese bestand aus einer auf Dauer angelegten ehelichen Lebensgemeinschaft von Mann und Frau mit Kindern. Die Liebesheirat wurde nun zur Leitnorm und die Familie wurde zum privaten Raum, der vor Einflüssen von außen abgeschirmt war. Dem Mann als Haupternährer kam allerdings weiterhin ein wesentlicher Autoritätsanspruch zu. Die Frau in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter war auf innerhäusliche Tätigkeiten beschränkt. Dieses Familienbild hatte seinen Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber der Wandel ging weiter, er hat sich in den letzten 30 Jahren beschleunigt, und auch das Verständnis von Familie wird sich weiter verändern.

Inwiefern? 

Die Familie von heute ist von einer großen Pluralität geprägt. Dazu zählen zum Beispiel Alleinerziehende mit Kindern, Patchworkfamilien, Stieffamilien, Familien mit gleichgeschlechtlichen Paaren und vieles mehr. Die Eheschließung ist für viele keine notwendige Grundlage mehr. Und selbstverständlich haben sich die Rollen innerhalb der Familien verändert. 

Ist ein Idealbild der Familie überhaupt erreichbar?

Der im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte aktuelle Familienreport des Bundesfamilienministeriums hat gezeigt, dass verheiratete Eltern mit Kindern nach wie vor die häufigste Familienform darstellen (70 Prozent aller Familien). Das Bild der klassischen Kernfamilie hat sich somit keineswegs überlebt. Dieses Familienmodell entspricht offensichtlich nach wie vor den Wünschen und persönlichen Lebenszielen der meisten Menschen und bleibt somit für viele Menschen ein Idealbild. Aber daneben gibt es heute eine Vielzahl anderer Familienformen.

Welche Vorteile hat die bürgerliche Kleinfamilie aus MutterVater-Kind heute?

Die klassische Kernfamilie ist nicht nur nach wie vor die häufigste Familienform, sondern wird auch in Umfragen immer wieder gewissermaßen als Prototyp der Familie bewertet. Sie gilt als Raum der Liebe, Geborgenheit und Solidarität. Kinder- und Entwicklungspsychologen weisen darauf hin, wie wichtig das Zusammenspiel beider Eltern für die Entwicklung der Kinder ist.

Wie sieht Familie künftig aus?

Das Verständnis von Familie und das reale Bild der Familie ist heute viel bunter geworden: Dieser Trend wird sich wohl fortsetzen. Aber diese Pluralisierung des Familienbildes bedeutet keinesfalls einen Bedeutungsverlust der Familie als solcher. Eine große Mehrheit der Bevölkerung wird Familie auch in Zukunft als Ort der Liebe, der menschlichen Nähe und Geborgenheit bejahen.

Interview: Michael Kinnen