24.11.2021

350 Jahre wirkten Prämonstratenser-Chorherren in Havelberg

Ein einmaliger Aufschwung

350 Jahre wirkten Prämonstratenser-Chorherren in Havelberg und der Region nordöstlich der Elbe. Der Dom und die Klosteranlage sind Korrespondenzort zur Sonderausstellung zum Prämonstratenser-Jubiläum in Magdeburg.

Museumsleiterin Antje Reichel an einem Teil des Chorgestühls des Havelberger Domes, in dem einst die Prämonstratenser ihr Chorgebet hielten. Es wird von Fachleuten in die Zeit um 1300 datiert. Rechts weiter hinten im Bild einer der steinernen Leuchter aus derselben Zeit. Der gotische Flügelaltar (wie er sich einst im Dom befand) hinten rechts vor dem Barockaltar ist nur ein großes, aufgestelltes Foto.    Fotos: Eckhard Pohl

 

„Das war der ,Arbeitsplatz‘ der Chorherren. Hier haben sie sich täglich bis zu achtmal zum Gebet versammelt“, sagt Antje Reichel und zeigt auf ein schlichtes, 700 Jahre altes Chorgestühl aus Eichenholz. Über 350 Jahre hinweg versahen Prämonstratenser diesen Dienst im Dom zu Havelberg. Denn ab 1150 bestand hier ein Stift der Kanoniker und damit eine Niederlassung jenes Ordens, der 1121, also vor genau 900 Jahren, im französischen Prémontré von Norbert von Xanten gegründet worden war. Wenige Jahre später war derselbe Norbert Erzbischof von Magdeburg und weihte 1129 seinen Mitbruder Anselm zum Bischof – mit dem Auftrag, sobald dies möglich sei, das Bistum Havelberg wieder zu errichten.
Das jedoch dauerte noch. „Havelberg war erstmals 946 von König Otto I., dem späteren Kaiser, zum Bistumssitz erhoben worden, um von hier aus den christlichen Glauben unter den Elbslawen zu verkünden“, so Reichel, die das am Dom beheimatete Prignitz-Museum leitet. „Doch beim großen Slawenaufstand 983 ging Havelberg wieder unter. Die erste Bischofskirche, sicher eine Holzkirche, wurde von den Lutizen zerstört. Erst gut 160 Jahre später, 1147, unterwirft Markgraf Albrecht der Bär die Elbslawen. Damit ist der Weg für Bischof Anselm frei, sein Bistum zu errichten.“

Ein neuer Dom und für jedes Dorf eine Kirche
Vom Prämonstratenserkloster Jerichow aus macht sich Anselm an die Arbeit, besetzt das Domstift mit Chorherren seines Ordens und beginnt 1149/50 den Bau einer schlichten, dreischiffigen Basilika mit Flachdecke und monumentalem Westquerriegel. „Das Baumaterial Quarzit wird auf Lastkähnen auf der Elbe aus dem 100 Kilometer südlich gelegenen Plötzky bei Gommern herangeführt. Eine enorme logistische Leistung“, sagt Reichel. „In der Nähe von Gommern liegt das Prämonstratenserstift Leitzkau, das seit etwa 1138 besteht. Von dort dürfte Unterstützung gekommen sein.“

Hoch über einem Arm der Havel liegen der Havelberger Dom und die Stiftsgebäude der Chorherren.


20 Jahre später, 1170, weiht Erzbischof Wichmann aus Magdeburg den neuen Dom. Anwesend sind auch die Bischöfe von Ratzeburg, Brandenburg und Meißen, dazu Markgraf Albrecht der Bär aus Brandenburg, sein Sohn Otto I. und die beiden Pommernfürsten Bogeslav und Kasimir. Geleitet wird das Bistum Havelberg schon seit 1155 von Bischof Walo.
„Von Havelberg aus gründen die Prämonstratenser in der Region zahlreiche Kleinparochien, also neue Orte und zugleich Gemeinden. Jedes Dorf hat seine eigene Kirche und seinen Pfarrer. Um das Land zu besiedeln, haben Markgraf Albrecht und Bischof Anselm nach der Unterwerfung der Slawen in Holland, Flandern und Regionen am Rhein Interessierte geworben, die in den neuen Dörfern und Städten leben sollen“, weiß Reichel. „Die Kulturlandschaft des ostelbischen Raumes erlebt einen einmaligen und nie wieder erreichten Aufschwung. Manche Orte waren womöglich für viel mehr Einwohner geplant. Das lässt sich anhand der teilweise sehr großen Kirchen vermuten“, sagt Reichel.
In Havelberg werden Priester für die Gemeinden ausgebildet. In ihrem Ordensleben orientieren sich die Prämonstratenser an der strengen Augustinus-Regel, halten ihr Chorgebet, kümmern sich um die Mission, gestalten und bewirtschaften das Land. „In Hoch-Zeiten leben in Havelberg 20 bis 30 Prämonstratenser (Priester), dazu Konversen (Laienbrüder)“, sagt Antje Reichel.
Der Ostflügel der Klosteranlage, in dem sich unter anderem die Sakristei, der Kapitelsaal und im Obergeschoss das Dormitorium (Schlafsaal) befanden, wird um 1200 aus Backstein gebaut. Der südliche Teil der Anlage entsteht Anfang des 13. Jahrhunderts. Ende des 13. Jahrhunderts kommt der westliche Teil des Klosterhofes mit Cellarium (Lagerraum), Kornspeicher und Kreuzgang dazu. Diese Bauten sind bis heute weitgehend erhalten.  
Ab 1270 residieren die Havelberger Bischöfe in Wittstock/Dosse, das Domkapitel bleibt vor Ort. Nach einem schweren Brand 1279 wird der Dom mit zusätzlichem gotischen Mauerwerk und einem Kreuzgewölbe ausgestattet, die halbrunde Apsis wird durch eine gotische ersetzt und die Triumpfkreuzgruppe entsteht. Noch heute gehören aus dieser Zeit außerdem drei Sandsteinleuchter von der ersten Chorschranke des Domes zur Ausstattung.
„Einfluss und wirtschaftlicher Wohlstand der Chorherren wachsen bis ins 14./15. Jahrhundert vor allem durch die Wallfahrt zum Heiligen Blut in Wilsnack. Im Dom entstehen zum Beispiel der Lettner und die seitlichen Chorschranken mit ihrem Figurenprogramm zum Leidensweg Christi“, sagt Reichel.

Die Ausstellungen über die Dom- und Siedlungsgeschichte sind in einstigen Klosterräumen untergebracht.


Doch Ende des 15. Jahrhunderts ist die Hoch-Zeit der Chorherren in Havelberg vorbei. Die Markgrafen von Brandenburg, die seit Ende des Mittelalters Schutzvögte des Domstifts sind, dehnen ihre Befugnisse immer weiter aus. Kurfürst Joachim von Brandenburg lässt das Stift schließlich 1506 aufheben und wandelt es in ein weltliches Kapitel um. 1561 hält die Reformation Einzug. 1819 wird das evangelische Domstift aufgelöst, die Stiftsgüter fallen an den preußischen Staat. Der Dom ist weiter Gotteshaus.

Kurfürst lässt Chorherrenstift aufheben
Heute kommt die evangelische Gemeinde im Sommer im Dom und im Winter im Paradiessaal, dem einstigen Sommer- und Winter-Refektorium zusammen. Die kleine katholische Gemeinde trifft sich seit 1905 in ihrer schönen St.-Norbert-Kapelle im westlichen Teil der Klosteranlage. Seit 1904 hat das Prignitz-Museum im Obergeschoss im früheren Kornspeicher, dem Bischofssaal und im ehemaligen Schlafsaal der Kanoniker seinen Platz. Die hier gezeigte, interessante Ausstellung zur Dom- und Siedlungsgeschichte der Region wurde eigens zum Prämonstratenser-Jubiläum neu gestaltet, wie Museums-Leiterin Reichel sagt. Zudem gibt es eine Ausstellung zur Stadtgeschichte.
Havelberg ist Korrespondenzort der Ausstellung „Mit Bibel und Spaten. 900 Jahre Prämonstratenser-Orden“ im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg, die bis 9. Januar zu sehen ist.  (Der TAG DES HERRN berichtete.)

Mehr Infos: 0 15 22/7 66 19 89
www.havelberg-dom.de
www.prignitz-museum.de
www.khm-magdeburg.de

Von Eckhard Pohl