30.10.2020

Populismus in Kirche und Gesellschaft war Thema bei Magdeburger Katholikenrat

Diskutieren statt vereinfachen

Populismus in Kirche und Gesellschaft und Möglichkeiten, wie diesem Phänomen konstruktiv begegnet werden kann, waren Thema der Herbstvollversammlung des Katholikenrates in Halle.


Moderiert von Reinhard Grütz diskutierten v.l. Christine Böckmann, Susanne Brandes, Zain Akash und Kinana Alsameer über Populismus auch in den Gemeinden. Rechts im Bild Dagobert Glanz. - Foto: Constanze Wandt

Von Constanze Wandt
„Kinder sind überall gleich auf der Welt“, „sie sind neugierig und fröhlich“, sagt Kinana Alsameer über ihre Arbeit an der St. Mechthild-Grundschule in Magdeburg. 2017 kam die dreifache Mutter aus Syrien in die Elbestadt. Die junge Lehrerin unterrichtet Mathematik. Nach anfänglicher Skepsis der Eltern werde sie inzwischen in der Schule wie ihre Kollegen akzeptiert, sagt sie.
Zain Akash, ebenfalls aus Syrien, kam zwei Jahre später nach Sachsen-Anhalt. Er ist Otto-von-Guericke-Stipendiat der Stadt Magdeburg und studiert Wasserwirtschaft an der Universität. Beide geben lebendig Auskunft über ihr Leben in Deutschland. Nach negativen Erlebnissen gefragt, sagen sie, dass sie sich diese nicht gern in Erinnerung rufen. Trotzdem erzählt Akash von einem Mann, der ihn mit einem Stock bedrohte, als er kurz nach seiner Ankunft in Deutschland mit dem Fahrrad unterwegs war, und der ihm Worte hinterherrief, die er damals noch nicht verstand.
Alsameer und Akash waren Podiumsgäste der Herbstvollversammlung des Katholikenrates am 10. Oktober in Halle zum Thema „Der rechte Glaube – das Phänomen des Populismus“. „Das Thema sollte bereits im Frühjahr behandelt werden“, denn es sei „hochaktuell“, betonte der Vorsitzende des Katholikenrates, Dagobert Glanz. Die Versammlung habe jedoch wegen Corona ausfallen müssen.
Wie aktuell das Thema ist, unterstrich auch der Direktor der Katholischen Akademie, Reinhard Grütz, der die angesetzte Podiumsdis- kussion leitete. Er zitierte aus einem Festvortrag von Wolfgang Thierse, den dieser bereits 2018 in Hannover hielt: „Je komplexer, bedrohlicher die Problemfülle erscheint, umso stärker das Bedürfnis nach den einfachen Antworten, umso stärker die Sehnsucht nach den schnellen Lösungen, ja nach Erlösung, nach der starken Autorität. Das ist die Stunde der Populisten, der großen und kleinen Vereinfacher.“ Dies, so Grütz, beschreibe sehr treffend die aktuelle Situation.


Abwertung zeigt sich zuerst in den Begriffen
Die Theologin und Konfliktberaterin Christine Böckmann vom Miteinander e.V. in Magdeburg verdeutlichte während der Podiums- diskussion die Rolle von Sprache in Bezug auf populistische Tendenzen und verwies auf die Macht von Sprache als politisches Instrument, um damit Gräben aufzutun. „Der Gegensatz zwischen ‚uns‘ und den anderen, vermittelt sich durch Sprache und sprachliche Bilder“, sagte Böckmann. „Die Abwertung der anderen zeigt sich zuerst in den Begriffen. Das hat eindrücklich Victor Klemperer für die Zeit des Nationalsozialismus beschrieben. Diese sprachlichen Bilder zeigen sich lange Zeit, bevor Gewalt angewandt wird.“ Böckmann machte deutlich, dass die Sprache des Populismus bereits im eigenen Umfeld, in den Gemeinden, in der Kirche angekommen ist. Zur Aufklärung in den Gemeinden hat sie mit anderen eine Arbeitshilfe herausgegeben.
Über Bildungsarbeit gegen Populismus berichtete Susanne Brandes, stellvertretende Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung. „Die Kirche ist Teil und Abbild der Gesellschaft“, sagte Brandes, und schilderte ihre Erfahrungen in der politischen Bildung zu Demokratie und Menschenrechten. Aus ihrer Beratungsarbeit berichtete sie von einem syrischen Praktikanten, der in einer Kindertagesstätte angestellt war und dort auf Druck einiger Eltern entlassen wurde. „Nicht alles besser zu wissen, sondern zuerst auf uns selbst schauen“, empfiehlt Brandes und wünscht sich, dass im Bistum gegen Ausgrenzung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowie die Konstruktion von sozialen Gruppen sensibilisiert wird. Sensibilisiert gegen Ausgrenzung nach dem Motto: Die da oben, die da draußen, die da unten, sind die, die anders sind und die wir diskriminieren. Auf Grund ihrer Religion, ihrer Sexualität, ihrer Herkunft. Brandes betonte: „Unserem christlichen Menschenbild wohnt die Ebenbildlichkeit Gottes inne. Die ist nicht exklusiv für uns Christinnen und Christen.“ Böckmann und Brandes bieten Seminare für Gemeinden an.
In Gruppen diskutierten die Delegierten darüber, was in den Gemeinden zu tun ist, wenn dort populistisches Denken auftaucht oder gar im konkreten Tun erkennbar wird. Dabei wurde einerseits Ratlosigkeit in der Argumentation bezüglich populistischer Ansichten deutlich und andererseits der Wille zum Dialog spürbar. Ein Ergebnis der Diskussion war, Mut zu den Grautönen zu haben. Es gebe nicht nur schwarz und weiß.
Bereits zu Beginn des Tages hatte der Hallesche Propst Reinhard Hentschel bei einem geistlichen Impuls auf mögliche fundamentalistische Positionen auch in den Gemeinden hingewiesen: „Fundamentaler Populismus ist als Gefahr auch in unserem christlichen Glauben vorhanden, wenn und wo einzelne Autoritäten, Wirklichkeiten oder Wahrheiten hervorgehoben und absolut gesetzt werden.“ Er drohe dort um sich zu greifen, wo Menschen das vielschichtige Leben von einem einzigen Standpunkt aus betrachten und bewerten. „Damit vereinfachen sie komplexe Wirklichkeiten und schaffen neue Konflikte.“


Bindeglied in die Gemeinden hinein
Im Blick auf die Arbeit des Katholikenrates bedauerte es dessen Vorsitzender Glanz, dass nicht jede Pfarrei einen Delegierten entsendet, zumal das Laiengremium wichtiges Bindeglied zwischen Bistum und Pfarreien sei. Die am 7./8. November geplanten Wahlen zu Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand böten eine neue Gelegenheit, einen Vertreter zu delegieren.
Wie in der Gesellschaft, treffen auch beim „Synodalen Weg“ viele Meinungen aufeinander. Davon berichtete Katholikenrats-Geschäftsführerin Regina Masur, die mit anderen das Bistum beim „Synodalen Weg“ vertritt. Sie erinnerte an das Angebot der Bistums-Synodalen, in den Gemeinden über die Arbeit zu berichten. Die nächste Vollversammlung des Katholikenrates, die für den 17. April 2021 in Magdeburg geplant ist, soll sich der Arbeit des Synodalen Weges widmen.

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