28.11.2019

Fall eines katholischen Religionslehrers, der in der AfD ist

Genau hinschauen

Am Fall eines katholischen Religionslehrers, der für die AfD im Stadtrat von Auerbach sitzt, haben sich Diskussionen entzündet: Wie verträgt sich ein Engagement in dieser Partei mit einer verantwortlichen Aufgabe in der Kirche?

Eine Demonstrantin bei einer AfD-Kundgebung in Erfurt – Inwieweit man als Parteifunktionär für das Handeln von Parteikollegen gerade zu stehen hat, ist eine der Fragen, die Tilman Matheja gestellt werden.    Foto: epd/Peter Juelich

Seit Schuljahresbeginn unterrichtet der Auerbacher AfD-Stadtrat Tilman Matheja Acht- bis Zehntklässler in katholischer Religion. Bei der Leitung des Bistums Dresden-Meißen sind seither mehrere Bitten um Stellungnahme eingegangen, unter anderem von katholischen Eltern aus dem Vogtland. Die örtliche Tageszeitung Freie Presse, die Katholische Nachrichtenagentur und das Kölner Domradio haben über den Fall berichtet.
Seit gut drei Jahren arbeitet der aus Bayern stammende Realschullehrer Tilman Matheja im Vogtland. Bisher war er ausschließlich für andere Unterrichtsfächer eingesetzt worden. Da ein katholischer Religionslehrer in der Stadt fehlte, hatte ihn das zuständige Regionalschulamt in Zwickau für diese Aufgabe angefragt. Das Bistum Dresden-Meißen bestätigte den kirchlichen Lehrauftrag (Missio Canonica) für katholischen Religionsunterricht, den er aus dem Erzbistum Bamberg mitgebracht hatte. In Vorstellungsgesprächen mit Ralph Kochinka, dem Pfarrer von Auerbach und Falkenstein, und Regina Nothelle, der Diözesandirektorin für katholischen Religionsunterricht, erwähnte Matheja sein politisches Engagement. Er wies auch auf Vorwürfe hin, die im Internet gegen ihn kursieren. Im Frühjahr soll er Informatikschülern dabei geholfen haben, ein Computerspiel zu programmieren, bei dem ein Flugzeug in eine Moschee gesteuert wird. Die Vorwürfe seien aber unzutreffend und er gehe gerichtlich gegen sie vor, betonte er.
Allein die Zugehörigkeit zur AfD, einer demokratisch legitimierten Partei, sei kein Grund, einem Lehrer die Missio zu entziehen, sagte der Dresdner Bistumssprecher Michael Baudisch auf Nachfrage. Dass an einen Religionslehrer besondere Erwartungen gestellt werden, das Fach in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Kirche zu unterrichten, sei klar. Man wolle sich aber nicht an Vorverurteilungen beteiligen.
 

Bistum geht Kritik von Eltern sorgfältig nach
„Solange in dieser Sache keine Herrn Matheja belastende gerichtliche Entscheidung ergangen ist, können daher auch die in der Presse erschienenen Behauptungen keine Veranlassung geben, ihm den Einsatz als Religionslehrer zu verwehren“, heißt es in einer Stellungnahme des Bistums. Das Bistum werde aber seiner Verantwortung in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Schule und Bildung „mittels einer verstärkten Aufsicht über die Lehrtätigkeit von Herrn Matheja“ nachkommen und „jede Kritik, die in diesem Zusammenhang aus der Elternschaft geäußert wird, sorgfältig prüfen.“ Kritisiert worden sei unter anderem, dass Tilman Matheja auf seiner Facebook-Seite eine Leseempfehlung für einen Beitrag gegeben habe, in dem gesagt wird, man solle Papst Franziskus wegen seiner Flüchtlingspolitik „nicht ernst nehmen“. Wer einen „Like“ bei Facebook setze, identifiziere sich damit nicht automatisch mit dem kompletten Inhalt des Beitrags, gab Michael Baudisch zu bedenken.
Unterdessen gab es mehrere Gespräche zwischen Tilman Matheja und Eltern, Pfarrgemeinderäten sowie dem örtlichen Pfarrer. Christen sollten ein Mitglied ihrer Gemeinde nicht mit den selben Mitteln vorverurteilen und ausgrenzen, die sie an der AfD kritisieren, sagte Pfarrer Kochinka dazu. Es sei besser, miteinander zu reden als übereinander. Den besorgten Eltern riet er, dem Lehrer eine Chance zu geben und ihm die Fragen zu stellen, die ihnen kommen. Wie Lehrer anderer Parteien auch, trenne er sein politisches Engagement streng von seinem Unterricht, habe der Lehrer bei einem Elternabend deutlich gemacht. Er unterrichte entsprechend dem Lehrplan und der katholischen Lehre. Die Eltern stimmten daraufhin zu, dass Tilman Matheja mit dem Unterricht beginnen könne. Sie kündigten zugleich an, aufmerksam zu beobachten, inwieweit er den hohen ethischen Anforderungen, die diese Lehrtätigkeit erfordere, gerecht werde. Ralph Kochinka zufolge äußerten sich die Schüler und ihre Eltern bisher zufrieden mit dem Religionsunterricht. Es gebe allerdings auch Gemeindemitglieder, die einem Dialog grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen.

MEINUNG
Das Gespräch wagen
Dass ein Religionslehrer für die AfD im Stadtrat sitzt, kommt wohl eher selten vor. Dass in einer Gemeinde offen darüber gesprochen wird, wie sie mit AfD-Politikern in den eigenen Reihen umgeht, hat ebenfalls noch Seltenheitswert, obwohl es längst kein Ausnahmefall mehr ist, dass AfD-Politiker in Pfarrgemeinderäten vertreten sind oder andere verantwortliche Positionen in Gemeinden innehaben.
Dorothee Wanzek

Solche Gespräche sind schwierig, sie erfordern den passenden Rahmen und langen Atem. Und: Sie können durchaus scheitern. Weicht man ihnen aber aus, wächst die Gefahr, dass sich menschenfeindliche Einstellungen in Kirchenkreisen schleichend einnisten. Zum anderen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gemeindemitglieder vorschnell ausgegrenzt werden. Die Handreichung „Nächstenliebe leben. Klarheit zeigen“, die der ökumenische Arbeitskreis „Kirche für Demokratie und Menschenrechte in Sachsen“ im Frühjahr herausgegeben hat, bietet wertvolle Hinweise für Gemeinden, die sich dieser Auseinandersetzung stellen wollen. Sie nimmt das Evangelium als Urteils-Maßstab und schärft den Blick. Sie fordert zu genauem Hinhören auf und unterscheidet zwischen kirchlichen Verantwortungsträgern und einfachen Gemeindemitgliedern, zwischen politischen Akteuren und Symphatisanten. www.kirche-fuer-demokratie.de

Auch jenseits der Pfarreigrenzen gibt es weiterhin Gesprächsbedarf. Elmar Middendorf, der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands der katholischen Religionslehrer an Gymnasien, antwortete in einem Interview mit dem Kölner Domradio auf die Frage, ob es vereinbar sei, als aktiver AfD-Politiker, der aus seinen Positionen keinen Hehl macht, Religionslehrer zu sein: „Formalrechtlich ist es natürlich vereinbar. Ich kann mir aber schwer oder eigentlich gar nicht vorstellen, dass man das, was diese Partei nach außen trägt, mit dem christlichen Glauben in Verbindung bringen kann. Universale Solidarität, Menschenwürde, das, was man theologisch als Gotteskindschaft bezeichnet – diese Überzeugungen beißen sich doch sehr mit dem, was an verächtlicher Sprache über andere Rassen und andere Religionen von Vertretern dieser Partei in die Öffentlichkeit gebracht wird. Beim Thema Flüchtlingspolitik, das man ja durchaus kritisch sehen kann, fehlt mir ganz entschieden, dass auch einmal die Opferperspektive eingenommen wird.“
 

Mitverantwortlich für Höckes Äußerungen?
„Ich muss mir nicht jede Äußerung anderer Parteimitglieder zurechnen lassen, so lange diese Äußerung nicht durch die überwiegende Mehrheit der Partei getragen wird“, betont Tilman Matheja, vom Tag des Herrn auf menschenverachtende Äußerungen des thüringischen Parteivorsitzenden Björn Höcke angesprochen. „Sie können sich sicher sein, dass ich keine menschenverachtenden Äußerungen teile.“
Es sei kein Geheimnis, dass er innerparteilich ein Kritiker von Björn Höcke sei. Das hänge mit seiner „Sozialpolitik nur für Deutsche, mit den Inszenierungen und der Rhetorik seiner öffentlichen Auftritte sowie einigen öffentlich bekannt gewordenen verbalen Fehlgriffen“ zusammen. Im Alltag als sächsischer Kommunalpolitiker spiele der thüringische Landesvorsitzende, den er, auch wenn er sich häufig über die öffentliche Berichterstattung seines Wirkens ärgere, weder wählen noch abwählen könne, keine Rolle.
Wer sich ein Urteil über ein Gemeindemitglied bilden will, das im rechtspopulistischen Spektrum aktiv ist, sollte sich nicht in erster Linie am Parteibuch orientieren, sondern an seinem öffentlichen Handeln und Reden, empfiehlt ein ökumenischer Arbeitskreis in Sachsen, der im vergangenen Frühjahr eine Handreichung zum Thema herausgegeben hat. Eine Partei-Mitgliedschaft könne aber ein „wichtiger Hinweis auf mögliche Konfliktlinien“ sein und den Anlass für Gespräche über persönliche Motivationen und nötige Abgrenzungen bieten.

Von Dorothee Wanzek