11.04.2019

Abwanderung, Überalterung: Welche Perspektiven gibt es?

Was bleibt, wenn alle gehen?

Abwanderung, Überalterung: Welche Perspektiven gibt es? Mit der Zukunft in den ländlichen Regionen beschäftigte sich eine Veranstaltung der Katholischen Akademie, der Caritas und des Katholikenrates in Zwickau.

 
Liane S. Hoder von „Himbeerspecht“ aus Dresden hielt die Veranstaltung grafisch fest. | Foto: Matthias Holluba

 

„Bäcker weg, Kirche weg, Kinder weg… – Was bleibt, wenn alle gehen?“ Antworten auf diese Frage suchten Teilnehmer einer Veranstaltung im Zwickauer Peter-Breuer-Gymnasium. „Die Zukunft der ländlichen Regionen ist eine Frage, die die Menschen beschäftigt und da ist es gut, wenn wir als Kirche unsere Perspektive einbringen“, sagte Thomas Arnold, Direktor der Katholischen Akademie, die neben Caritas und Katholikenrat zu den Veranstaltern gehörte. Außerdem betreffe diese Frage die Kirche auch selbst angesichts laufender Strukturveränderungen.
 
Bevölkerungsrückgang und Überalterung
Erste Impulse für das Gespräch gab es vom Statistischen Landesamt Sachsen. Manuela Reckling zeigte, dass der Rückgang und die Alterung der Bevölkerung anhalten. In der Region Zwickau betrage das jährliche Defizit etwa 3000 bis 4000 Menschen, das lediglich  in den Jahren 2014/15 durch den Zustrom der Flüchtlinge aufgefangen wurde. Bis zum Jahr 2030 rechnet das Statistische Landesamt mit einem weiteren Rückgang der Bevölkerung um acht bis 12,5 Prozent. Zum zweiten zeige der Lebensbaum eine zunehmende Alterung. Das Durchschnittsalter lag 2011 bis 47,9 Jahren und wird 2030 bei 51,4 Jahren liegen. Der Anteil der Hochbetagten (über 85 Jahre) wird sich in dieser Zeit fast verdoppeln. Außerdem gebe es ein Frauendefizit, was sich auf die Zahl der Geburten auswirkt.
Die Folgen sind in der Dörfern spürbar: Geschäfte und Kneipen schließen, ebenso Schule und Kirche, der Nahverkehr wird ausgedünnt,der Landarzt ist eine aussterbende Spezies. „Die Dörfer sind abgehängt“, ist nicht nur eine inzwischen häufige Schlagzeile, sondern auch das Gefühl vieler Menschen auf den Dörfern. Dabei ist die Lage nicht so dramatisch – zumindest solange man mit einem eigenen Auto mobil ist, sagte der Soziologe Tobias Mettenberg vom Thümen-Institut, einer Bundesforschungseinrichtung für ländliche Räume. Eine Umfrage von 2016 habe ergeben, dass mehr als 90 Prozent der Befragten wichtige Einrichtungen wie Supermarkt, Bank, Postfiliale, Gemeindeverwaltung, Kindertagesstätte, Grundschule und ein Altenpflegeheim im Umkreis von zehn Kilometern finden. Defizite beständen bei der ärztlichen Versorgung, bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten, beim Breitband-Internet und im Nahverkehr.
Die Strategiefrage für die Zukunft heiße: Anpassen oder gegensteuern? Modell und Ideen reichen vom Ruf- und Kombibus (der nicht nur Menschen, sondern auch Post und andere Güter befördert) über Car-Sharing und Mitfahrmodelle bis zur Bank auf Rädern und kleinen, mitunter ehrenamtlich betriebenen Lebensmittellädchen. Die Kommunen müssten dafür entsprechend finanziell ausgestattet werden, forderte Mettenberg.
Eine Aufgabe der Kirche und der Christen könne es dabei sein, die Menschen in den Dörfern miteinander zu vernetzen, unterstrich die Vorsitzende des Katholikenrates Martina Breyer . Ulrich Clausen vom Referat Weltkirche des Bistums machte allerdings deutlich, dass fast alle Zukunftsüberlegungen mit dem Thema Mobilität verbunden sind und es hier auch gerade erhebliche Diskussionen und Verschiebungen angesichts der Umweltprobleme gebe.
„Die Jugend ist weg, wir sind die letzten.“ Diesen Satz hat Akademiedirektor Arnold in den letzten Wochen häufig gehört, wenn er mit dem Sachsensofa – eine Veranstaltungsreihe der Akademie – in den ländlichen Regionen des Bistums unterwegs ist. Bestätigen kann das Peter Olbricht, Schulleiter des Peter-Breuer-Gymnasiums. Von den 1500 Absolventen seines vor 25 Jahren gegründeten katholischen Gymnasiums seien allein 600 Ingenieure geworden. „Die meisten im süddeutschen Raum. Die kommen nicht wieder.“
 
Ausbildungsplätze und Fachkräftemangel
Dabei bietet die Region Zwickau gar nicht so schlechte Chancen für junge Menschen. „Wir müssen der Jugend sagen, was es hier Gutes gibt“, forderte Torsten Spranger, der Geschäftsführer der IHK Zwickau. Inzwischen gebe es zahlreiche freie Ausbildungsplätze und es herrsche Fachkräftemangel. Die ansässigen Unternehmen bemühen sich intensiv um Mitarbeiter, dabei seien die Zeiten vorbei, in denen niedrige Lohnkosten als Standortvorteil galten. Doch noch immer würden sich viele nicht bewerben, weil die Medien berichten: Im Osten verdient man weniger.
Dass es nicht nur wirtschaftliche Faktoren sind, die die Jugend in der Region halten könnten, darauf wies Schulleiter Olbricht hin: Für ihn spielt auch der Zerfall der Familienstrukturen eine Rolle, was sich etwa an den vielen anonymen Grabstellen auf den Friedhöfen zeige. „Wir brauchen starke Familien. Warum soll ein Jugendlicher nach dem Studium zurückkommen, wenn Beziehungen nicht gelebt werden?“

Die Veranstaltung fand im Vorfeld der für Herbst in Magdeburg geplanten „pastorale!“ statt. Weitere Infos dazu: www.die-pastorale.de
 
Von Matthias Holluba