23.08.2012

Anstoss 34/2012

Die Allmacht Gottes – Gedanken zur Bergpredigt

Die Bibelforschung ist sich einig: Die Bergpredigt, einer der bekanntesten Texte der Bibel und der Weltliteratur, enthält zwar viele Worte von Jesus, gehalten hat er sie aber nie auf diese Weise. Die Bergpredigt stellt in ihrer Zusammenstellung ein Werk des Evangelisten Matthäus dar. Die Sache ist aber noch etwas komplizierter: Die Auslegung der Bergpredigt wird zusätzlich dadurch erschwert, dass wir sie nie unvoreingenommen hören können. Wer beispielsweise davon überzeugt ist, dass die außergewöhnlichen Forderungen der Bergpredigt die Kräfte der meisten Menschen übersteigen, wird ihren Sinn ganz anders bestimmen, als jemand, der in ihr ein echtes alternatives Gesellschaftsprogramm erblickt.

Dennoch würde man dem entscheidenden Problem der Bergpredigt ausweichen, wenn man sie nur daran misst, ob sie umsetzbar, ob ihre Forderungen praktikabel sind. Denn die letzte Frage, die darin gestellt wird, lautet nicht „Kann man mit der Bergpredigt Politik machen?“, sondern eher: „Glaube ich, der Einzelne, dass Gott tatsächlich das will, was uns in der Bergpredigt als sein Wille verkündet wird?“

Spätestens hier sollten Einwände fällig werden! Handelt es sich denn bei der Bergpredigt nur um Vertröstungen, nur um eine Frage des Glaubens? Denn wenn Gott tatsächlich den Willen und die Macht hat, die in der Bergpredigt in Aussicht gestellte positive Wende herbeizuführen, warum handelt er dann nicht schon hier und jetzt? Die Antwort der Bibel auf die Frage ist so überraschend und weicht so stark von unseren Vorstellungen ab, dass man sie vermutlich nicht zu glauben wagt: Sowohl das Alte als auch das Neue Testament kennen den Begriff der Allmacht Gottes nicht. Für die Menschen in Israel war der Begriff „allmächtiger Gott“ weder naheliegend noch geeignet, wenn sie davon sprechen wollten, wer und wie Gott ist, welche Erfahrungen sie mit Gott gemacht hatten. Ganz sicher: An Gottes Macht gab es für Israel nie auch nur einen Zweifel; denn genau diese Macht hatte das Volk Israel im Laufe seiner Geschichte ja immer wieder erfahren. Aber es musste auch lernen, dass Gottes Macht nie gegen andere Menschen gerichtet war, sondern vielmehr die Kraft ist, in der Gott Israel trägt und bewahrt. Wenn Israel also von Gottes Macht sprach, dann dachte es nicht daran – wie wir es vermutlich tun – dass Gott alles Mögliche machen könnte, wenn er nur wollte, sondern daran, dass Gottes Zuneigung, seine Freundschaft und Liebe durch keine andere Macht besiegt und zerstört werden konnte.

Weil Gottes Macht seine Liebe ist, kann er sie nicht lieblos und mit Gewalt gegen den Menschen durchsetzen. Deshalb ist der mächtige Gott dort ohnmächtig, wo er auf Gewalt und Verweigerung stößt. Deshalb können wir nur glauben, dass das letzte Wort der Geschichte ein tröstliches sein wird.

Pater Bernhard Kohl OP, Studentenseelsorger in Berlin