03.11.2016

Anstoß 45/2016

Der Mensch muss von seiner Arbeit leben können

Zu den merkwürdigsten Abschnitten meines Lebens gehört der, den ich als Angestellter in Alfred Wunsiedels Fabrik zubrachte ...

Ich hatte mich der Arbeitsvermittlung anvertraut und wurde mit sieben anderen Leidensgenossen in Wunsiedels Fabrik geschickt, wo wir einer Eignungsprüfung unterzogen werden sollten. Ich wurde als erster in den Prüfungsraum geschickt, wo auf reizenden Tischen die Fragebögen bereitlagen. Erste Frage: „Halten Sie es für richtig, dass der Mensch nur zwei Arme, zwei Beine, Augen und Ohren hat?“. Hier erntete ich zum ersten Mal die Früchte meiner mir eigenen Nachdenklichkeit und schrieb ohne zu zögern hin: „Selbst vier Arme, Beine und Ohren würden meinem Tatendrang nicht genügen. Die Ausstattung des Menschen ist kümmerlich.“ Zweite Frage: „Wie viele Telefone können Sie gleichzeitig bedienen?“ Auch hier war die Antwort so leicht wie die Lösung einer Gleichung ersten Grades: „Wenn es nur sieben Telefone sind“, schrieb ich, „werde ich ungeduldig, erst bei neunen fühle ich mich völlig ausgelastet.“ Dritte Frage: „Was machen Sie nach Feierabend?“ Meine Antwort: „Ich kenne das Wort Feierabend nicht mehr – in meinem fünfzehnten Lebensjahr strich ich es aus meinem Vokabular, denn am Anfang war die Tat!“ Ich bekam die Stelle.
Diese Geschichte von Heinrich Böll ist Jahrzehnte alt. Fida lebt wahrscheinlich lang genug in Deutschland, um ihren Wahrheitsgehalt zu kennen. Fida stammt aus einem Dorf in der Nähe von Damaskus. Vor vielen Jahren war sie bei uns im Kirchenasyl. Seitdem hält sie Kontakt zu ihrer „Familie“. Im Sommer wollte sie unbedingt mit zur Ferienfreizeit der Gemeindekinder. Wir fuhren in ein schönes Jugendfreizeitheim nach Mecklenburg-Vorpommern und  freuten uns über ihre Teamverstärkung in der Küche. Fida ist wundervoll im Umgang mit Kindern und kann leckeren Tabulé, also Petersiliensalat, machen. Stutzig machte mich, als sie davon sprach, „Urlaub einzureichen“. Die heute 69-jährige verdient ihren Unterhalt immer noch mit einer vollen Stelle als Reinigungskraft bei einer Zeitarbeitsfirma. Schwere körperliche Arbeit ist sie zwar gewöhnt, aber die Schmerzen nehmen zu, gesteht sie. Die Osteoporose macht ihr doch mehr zu schaffen. Sie ist zusehends in den letzten Jahren immer kleiner und krummer geworden. Laut Rentenbescheid bekäme sie gerade mal 129,50 Euro. Klug verwies ich auf ergänzende Sozialhilfe. Sie lächelte. So lächelt sie ihr „Nein“ immer. Nein, das sei für Menschen, die sich wirklich nicht mehr selbst helfen können. Ihnen will sie nichts wegnehmen. Sie hat doch Arbeit. Das klingt nicht ohne Stolz. Ich schaute auf den gekrümmten Rücken, der für viel zu wenig Geld hart schuftet.  Sie hat  Angst auf Grundsicherung angewiesen zu sein. Ich habe Angst, dass sie so lange arbeitet, bis der Rücken bricht.
Der Mensch muss von seiner Arbeit leben können. Das ist eines der Grundanliegen der Kirchen. Der Mensch muss aber auch ohne Arbeit leben können! Will ich wirklich in einer Gesellschaft leben, in der nur der Super-Arbeiter mit und ohne Migrationshintergrund gut leben kann? Grenzenlos flexibel, extrem belastbar, ewig jung, körperlich robust, dauerschön, freundlich und leistungsstark. Oder wird Arbeit in Zukunft von Robotern übernommen, so dass ich wenigstens in Ruhe existenzgesichert sterben kann? Die Stärke einer Gesellschaft misst sich am Wohl der Schwachen. Puh, ich fühle mich gerade sehr geschwächt.

Lissy Eichert, Berlin