03.12.2021

Eberhard Tiefensee über Hindernisse auf dem Weg zu Gott

"Das ist ein Himalaya"

Es gibt tiefe Schluchten und hohe Berge, die den Weg zu Gott verstellen, heißt es im Evangelium. Welche das heute sind und wer sie auffüllen und abtragen kann, sagt der Erfurter Priester und Philosoph Eberhard Tiefensee.

Foto: imago/UIG
Berge von Problemen erschweren heute den Zugang zu Gott, sagt Eberhard Tiefensee, Priester und früherer Professor für Philosophie. Foto: imago/UIG

Professor Tiefensee, welche Berge und Hügel verstellen heute den Blick auf Gott?

Es sind nicht nur Berge und Hügel, die den Blick verstellen, das ist ein Himalaya-Gebirge: Unsere Gesellschaft funktioniert weitgehend unabhängig von der Frage, ob es Gott gibt oder nicht, ob es Gläubige oder Nichtgläubige sind, die sich engagieren. Für viele Menschen ist deshalb die Frage nach Gott völlig außerhalb ihres täglichen Radarschirms. Sie sind religiös indifferent. Das ist ein Phänomen, das in seinem Ausmaß für die Verkündigung aller Religionen absolut neu und herausfordernd ist.

Meinen Sie damit, dass viele Menschen sagen „Ich glaub’ nichts, mir fehlt nichts“?

Genau. Man braucht den Gottesglauben offensichtlich nicht. Dazu kommt die massive Unglaubwürdigkeit von kirchlicher Verkündigung, Stichwort: sexueller Missbrauch. Und wie kann ein allmächtiger und gütiger Gott so viel Übel in der Welt zulassen? Auf diese Frage gibt es wahrscheinlich keine angemessene Antwort. Das ist aber für viele Menschen das endgültige Signal, dass am Glauben an einen Gott nichts dran ist. Auch unsere Bilder und Sprache über Gott sind oft schief, passen nicht mehr in die Zeit oder sind intellektuell unterfordernd. Das alles macht es heutigen Menschen fast unmöglich, sich „dem Heil Gottes“ zu nähern.

Wie können wir mit dieser Situation umgehen?

Wie schon gesagt: Religiöse Indifferenz in diesem Ausmaß ist neu. Rezepte der Vergangenheit helfen kaum. Früher trugen das soziale Milieu, Traditionen und Konventionen den Glauben weiter. Diese Krücken funktionieren heute nicht mehr. Wir lernen nun mühsam neu, dass Glaube ein Geschenk ist. Wir können ihn nicht durch noch so gute Religionspädagogik produzieren. Hier und da haben Menschen eine gewisse Sehnsucht, dass es doch etwas gibt außerhalb unserer Alltagswelt. Dieses Etwas bleibt aber unbestimmt und wird nicht direkt mit Gott verbunden. Sie suchen nach Spiritualität in verschiedenen Varianten. Das ist zumindest ein Anknüpfungspunkt bei einigen Menschen, jedoch bei weitem nicht bei allen.

Wie können wir den Suchenden helfen? 

Wir sollten auf jeden Fall selbstkritisch deutlich machen, dass auch wir auf der Suche sind. Wir dürfen nicht auftreten, als hätten wir das Rezept, um Gott zu finden. Und wir müssen aufmerksam sein für das, was um uns herum geschieht. Es gibt Abbrüche, Umbrüche, Aufbrüche. Diese Brüche deuten auf etwas, das wir wachhalten müssen.

In einem Interview haben Sie uns mal gesagt: „Wir haben die Aufgabe, den Himmel offenzu- halten. Unser Auftrag ist, den Namen Jesu hier in diese Welt zu bringen und die Nähe Gottes zu demonstrieren.“

Ich würde das heute vorsichtiger formulieren. Wir haben es immer wieder mit neuen pastoralen Strategien versucht. Trotzdem war der Erfolg relativ gering. Wir und vielleicht einige Menschen um uns herum müssen also offen und sensibel bleiben, ob sich irgendetwas zeigt, das eine Ahnung von Gott vermittelt. Und natürlich sollten wir den Namen Jesu in der Welt gegenwärtig halten. Aber eher zurückhaltend und respektvoll, denn die Initiative kann nur von Gott selbst kommen. Dabei müssen wir auch mit Überraschungen von ihm rechnen.

Wie meinen Sie das?

Wer hätte geahnt, dass Gott mit einem Kind im Stall neu beginnt? Das war doch völlig außerhalb jeder Vorstellung. Weihnachten mit Engelsgesang war von großer Theatralik. Und dann kam erst einmal nichts: 30 Jahre Pause bis zum öffentlichen Wirken Jesu. Vielleicht haben wir heute auch wieder eine solche Pause. Gott entzieht sich also unseren Vorstellungen. Deshalb müssen wir damit rechnen, dass er an Stellen auftaucht, wo wir ihn aufgrund unserer festgefügten Bilder nicht vermuten. 

Was heißt das konkret: mit Gott rechnen? Wo haben Sie so etwas erlebt?

Gerade hier in Ostdeutschland bringen sich viele Ungetaufte in kirchliche Aktivitäten ein und gehören so in gewisser Weise zur Kirche. Sie sagen aber andererseits deutlich, dass sie auf Distanz bleiben wollen. Sie passen nicht in unser bisheriges Schema. Ich habe eine Jugendliche vor Augen, die als Ministrantin und Lektorin aktiv ist, sich aber nicht taufen lassen will. Solche Menschen überraschen mich immer wieder. Ähnlich viele, die aus der Kirche austreten und sich doch in einem christlichen Geist engagieren. Ich sage mir: Dahinter steckt doch etwas. Also nicht irgendetwas, ich kann mir vorstellen, wer. 

Sie meinen Gott?

Ja, natürlich. Ich kann mich täuschen, und es sind die letzten Zuckungen eines verdunstenden Glaubens. Aber es kann auch der Anfang von etwas Neuem sein.

Eine solche Umbruchphase macht Menschen Sorgen. Das Evangelium endet mit der Verheißung, dass „alle Menschen Gottes Heil schauen“ werden. Was macht Ihnen Hoffnung?

Wenn plötzlich Berge abgetragen, krumme Wege gerade, unebene Straßen eben werden, ist das eine massive Umgestaltung des Geländes. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Das wird oft überhört: So wie es bisher ist, wird es nicht bleiben. Und das geht von Gott aus! Er durchbricht dieses Himalaya-Gebirge. Er hat eine Zusage gemacht, zu der er auf jeden Fall steht. Das ist meine tiefe Glaubensüberzeugung. Das, was mit Jesus von Nazaret passiert ist, weshalb wir Weihnachten und Ostern feiern, ist wirklich endgültig. Das wird sich in einer Weise zeigen, die ich aber nicht voraussehen kann.

Woher nehmen Sie diese Gewissheit?

Es ist auch meine Erfahrung von 1989: Wie unvorstellbar schnell hatte sich ein Staat ins Nichts verabschiedet! Das wird nun auch mit vielen kirchlichen Dingen geschehen. Aber damals zeigte sich ein enormes Potenzial an Leuten, die zuvor niemand so richtig gesehen hat, mit Fähigkeiten, mit Kräften. Die waren schon da, aber bis dahin unsichtbar. So ähnlich stelle ich mir das vor.

Interview: Ulrich Waschki

Foto: privat

Eberhard Tiefensee (69) ist Priester des Bistums Dresden-Meißen. Von 1997 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2018 war Eberhard Tiefensee Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Er beschäftigt sich stark mit dem Thema Glaube in einer säkularen Gesellschaft.