24.06.2020

Gebetsschule

Bilder des Betens

Gemalt wird, was gemacht wird. Beten zum Beispiel, zumindest früher. Denn Bilder, die betende Menschen zeigen, sind meist älter. Aber offenbar sind sie zeitlos interessant, denn sie werden bis heute neu interpretiert.

Foto: wikimedia
Angelus. Gemälde von Jean Francois Millet, 1858/59, Louvre, Paris Foto: wikimedia

Jean Francois Millet war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der angesagtesten Künstler im Welt-Kunst-Zentrum Paris. Und einer der umstrittensten. Denn er wandte sich einem Thema zu, dass weder als schön noch als künstlerisch wertvoll galt: die Arbeitswelt. Statt Porträts der Reichen und Schönen malte er hart arbeitende Bauern auf dem Feld: wie sie säen und ernten, graben und schleppen. Ein mühsamer Alltag, den sich niemand in seinen Salon hängen wollte.

Doch die Bauern arbeiteten nicht nur, sie beteten auch, wie auf dem Bild „Angelus“. Millet kannte das aus eigener Erfahrung. „Die Idee für das Bild kam mir, als ich mich an meine Großmutter erinnerte“, schrieb er einmal. „Immer, wenn sie die Kirchenglocke hörte, während wir auf den Feldern arbeiteten, unterbrach sie die Arbeit, um ein Angelus zu sprechen für die armen Verstorbenen.“

Millet selbst war nicht sonderlich fromm. Aber er wollte einfangen, dass das Gebet zum Lebensrhythmus der Bauern hinzugehörte, eine kurze Pause, um Gott die Ehre zu geben und der Toten zu gedenken. Millets „Angelus“ wurde eines seiner berühmtesten Werke. Viele zeichneten es nach – das Kopieren von Meisterwerken war damals selbstverständlich für Nachwuchsmaler. Etwa für Vincent van Gogh, den Pfarrerssohn, für den religiöse Motive immer wichtig waren; seine Kopie in Kohle kann man heute als eigenes Kunstwerk bewundern.

Andere Künstler interpretierten das Werk neu. Zum Beispiel  hat ein Fotokünstler die Szene  mit Menschen nachgestellt. Oder Salvator Dali. Der exzenrische Künstler hat die Szene gleich mehrfach verfremdet, so in dem Bild unten links. Der Kern aber blieb immer erkennbar: zwei Menschen, die mit geneigtem Haupt in einer ziemlich trostlosen Umgebung stehen und ahnen, dass sie ohne Gott in dieser Welt verloren sind.

Der Klassiker: Dürers Betende Hände
 

Noch deutlich berühmter und deutlich häufiger kopiert und neuinterpretiert sind aber die Betenden Hände von Albrecht Dürer. Der Nürnberger Künstler fertigte die Zeichnung 1508 mit Tinte und Deckweiß an –  als Studie zu den Händen eines Apostels, der auf einem Altarbild Platz finden soll.

Doch während der sogenannte Heller-Altar nur Experten ein Begriff ist, kennt fast jeder die Betenden Hände. Sie werden vor allem im Devotionalienhandel angeboten, oft auch in dreidimensionaler Form, sie schmücken Bibelausgaben, Sterbebildchen und Beileidskarten. Reproduzierte Bilder galten früher als so passendes Geschenk zu Kommunion oder Konfirmation, dass in einer bestimmten Generation fast jede christliche Familie dieses Bild im Haus hatte.

Die Betenden Hände sind so bekannt, dass sie manchen schon wieder als Kitsch gelten. Aber dennoch bleiben sie ein Symbol für unsere Bitten an Gott, besonders in Leid und Not. „Hilf uns“, scheinen diese Hände zu flehen. Und auch wenn sie über 500 Jahre alt sind: Dieser Ruf wird nicht alt.

Vielleicht hat deshalb ein unbekannter Künstler diese Hände auf dem Höhepunkt der griechischen Schuldenkrise auf ein ziemlich heruntergekommenes Hochhaus in Athen gemalt: Hilf uns, Herr, wir brauchen dich!

Susanne Haverkamp