28.08.2014

Interview mit Thomas Schimmel zur Langen Nacht der Religionen

Zurückhaltende Katholiken

Berlin. Die Lange Nacht der Religionen hat mit Thomas Schimmel einen neuen ehrenamtlichen Koordinator. Im Interview beschreibt der 49-jährige Katholik seine Sicht auf das Ereignis, das zum ersten Mal seinen Fingerabdruck tragen wird.

Thomas Schimmel und die Gotteshäuser. Foto: Alexandra Wolff

Sie waren schon vorher mit der Langen Nacht der Religionen beschäftigt. Was war da Ihre Aufgabe? Seit wann engagieren Sie sich für die Lange Nacht der Religionen?
Als Geschäftsführer von „1219. Religions- und Kulturdialog e.V.“ bin ich neben meinen anderen Aufgaben (religionskundliche Seminare und Vorträge, einschlägige Texte und Publikationen etc.) seit zwei Jahren im Initiativkreis der Langen Nacht der Religionen aktiv. Für uns als Initiative war dieses Engagement wichtig, weil die Lange Nacht zwei Elemente enthält, die aus unserer Sicht für einen guten Religionsdialog konstitutiv sind: die Kenntnis der eigenen Religion und die Kenntnis anderer Religionen. Wir Christinnen und Christen haben zum Beispiel oft ein Problem, über unsere Religionen zu sprechen: Können Sie als Laie erklären, was bei der Wandlung passiert? Oder warum sich das Christentum trotz Gott, Jesus und heiligem Geist für eine monotheistische Religion hält? Da gerät man schnell ins dogmatische Schleudern.
Die Lange Nacht ermöglicht es den religiösen Gemeinschaften, über die eigenen Glaubensgrundsätze nachzudenken und sie für Nichtgläubige aufzuarbeiten. Gleichzeitig kann man sich bei anderen Gruppen informieren und sich so für den Religionsdialog fit machen.

Was war eine spannende Begegnung bei der Langen Nacht der Religionen?
Zwei Begegnungen sind mir als franziskanisch geprägtem Christ besonders in Erinnerung: Zum einen das klare Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit der Quäker. Das finde ich bemerkenswert und bewundernswert und ich war bei dem Besuch des Gemeindehauses der Quäker hinter dem Bahnhof Friedrichstraße in einem Hinterhof verblüfft über den Mut und die Glaubenskraft dieser Bewegung. Zum anderen die Frömmigkeit und die Gottliebe der Sufis, die in ihrem Gottesdienst einen körperlichen Ausdruck findet. Wunderbar, das selbst zu erleben und zu erfahren!

Was hat Sie bei Ihrer ersten Langen Nacht der Religionen beeindruckt?
Die erste Lange Nacht der Religionen fand 2012 statt. Ein Experiment, von dem niemand wusste, ob es funktionieren würde. Und dann war die Stadt voll mit Interessierten! Ich fand es toll, dass ich an einem Abend ins Gespräch mit Quäkern, Neuapostolischen und Protestanten kam und erkennen konnte: Der Glaube an Gott verbindet uns ebenso wie der Wunsch, dass Gerechtigkeit und Frieden in dieser Welt herrschen mögen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie bei der Langen Nacht der Religionen mitmachen, weil sie Einblicke in sonst verschlossene Räume gebe. Das tun andere Lange Nächte (der Mathematik), Tage der offenen Türen/Denkmäler/Klöster auch. Warum also gerade die Lange Nacht der Religionen?
Der Sinn von Langen Nächten und Tagen der offenen Türen ist, dass Menschen ermutigt werden, Räume aufzusuchen, in die sie sonst nicht gehen würden. Die Schwellen der Türen von Museen, Universitäten und Botschaften werden so niedrig wie möglich gemacht. Es soll Gespräch und Begegnung ermöglicht werden, die sonst nicht möglich sind. Religionen, Wissenschaften, Politik: das sind Orte für Eingeweihte und selbst Eingeweihte gehen in keinen anderen Raum. Fragen Sie mal einen Chemiker, ob er schon mal in einer geistewissenschaftlichen Bibliothek war oder umgekehrt ein Philosoph im Labor. Es gibt Grenzen, die werden fester und nicht durchlässiger, je unübersichtlicher die Welt wird. Religion ist nun eine andere Dimension des Lebens und wird zudem über die Medien gedeutet. Religionsgemeinschaften und Kirchen haben solche Langen Nächte jedoch sehr nötig: Der Blick auf den Islam verändert sich radikal, wenn Sie als jemand, der den Islam nur aus dem Fernsehen kennt, in einer Moschee mit Gläubigen sprechen und ein Gebet erleben. Das ist ja auch der Sinn des Tages der offenen Moschee am 3. Oktober.
In der Begegnung erkennen wir den wahren Kern der Sache und nicht aus Versehen ruft Papst Franziskus dazu auf, die Kirchenmauern zu verlassen und die Kirchen zu öffnen. Als katholische Christen sind wir also aufgerufen, aus den Kirchen zu den Menschen zu gehen. Ich würde mir wünschen, dass andere Metropolregionen diese Idee aufnehmen und es eine Lange Nacht der Religionen bald an vielen Orten geben wird!

Welche katholische Kirche oder Institution bei der Langen Nacht hat es Ihnen besonders angetan?
Leider sind katholische Institutionen und Gemeinden eher zurückhaltend, was die Beteiligung an der Langen Nacht der Religionen angeht. Das ist schade und ich hoffe, das ändert sich. Ich würde mich freuen, wenn vor allem die Ordensgemeinschaften, die ja zahlreich in Berlin vertreten sind, und mystische Gruppen ihre Toren öffnen würden. Da gäbe es viel zu entdecken – auch im Hinblick auf Gemeinsamkeiten mit anderen Religionen. Viel Stoff für Dialog übrigens.

Von Alexandra Wolff