26.04.2012

Anstoss 17/2012

Zuhause sein in der Sprache

Kürzlich erlebte ich Folgendes: Bei einer Veranstaltung einer Pfarrei, bei der eher ältere Menschen anwesend waren, benutzte die Rednerin viele englische Ausdrücke, einige Fremdwörter und viele Abkürzungen.

Das hätte sie besser nicht gemacht, denn ihre Sprache ärgerte die Leute so, dass sie gar nicht mehr zuhörten. So war der ganze Vortrag verdorben. Die Leute schimpften und meinten, dass man die Rednerin nicht verstehe, dass sie alles so kompliziert darstelle und schließlich, dass die Rednerin arrogant und eingebildet sei.   
Der geschilderte Vorfall zeigt, dass die Wortwahl allein schon viel über die Absicht des Sprechers verrät. So auch bei sozialen Netzwerken im Internet. Will man beispielsweise facebook-„Freunde“ gewinnen, erzählt man von lustigen Entdeckungen. Will man als seriös und gebildet gelten, benutzt man entsprechende Fremdwörter. Ist man römisch-katholisch, demonstriert man das als Anfänger, indem man das Vaterunsers auf Latein zitiert, ist man fortgeschritten, kann man das staunende Publikum über die Eigenschaften der Trinität unterhalten.
So signalisiert unsere Sprache, zu der ein gewisser Tonfall, ein Wortschatz, eine Aussprache und vieles mehr gehört, unsere soziale und bildungsmäßige Stellung in der Welt. Also nicht nur Orte, Gerüche, bestimmte Menschen, Mahlzeiten, Gegenstände und vieles andere mehr schaffen Heimat, sondern auch die Sprache.
Es gibt Menschen, die fürchten sich, ihre Sprach-Heimat zu verändern. Manche weigern sich standhaft, ein neues englisches Wort kennenzulernen und in den eigenen Sprachschatz aufzunehmen. Sie hätten die Energie, die der Ärger über die vielen Fremdwörter in unserer Sprache mit sich bringt, besser in das Lernen neuer Wörter stecken können.
Doch es gibt auch positive Beispiele, wie Sprache verändert und erweitert werden kann: Eine solche Erweiterung der eigenen Grenzen erlebe ich jede Woche bei einer Frau, die in unserer Kontaktstelle Präsenzdienst tut: Sie ist keine Christin und deshalb ist ihr „unsere“ Kirchensprache völlig fremd. Doch statt zu verstummen fragt sie bei jedem Begriff einfach nach. Erst im Nachhinein wird mir oft klar, wie stark wir eine Insidersprache sprechen, ohne es zu wollen. Da ist es gut und wohltuend, wenn diese Frau uns unsere einseitige Sicht der Welt bewusst macht. Als sie sich kürzlich für ihre vielen Fragen entschuldigte, habe ich ihr gesagt, dass sie uns damit einen wichtigen Dienst tut! Wir erweitern ihren Horizont und sie erweitert den unseren – so gewinnen beide Seiten.
Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig