21.08.2014

Anstoß 34/2014

Zeit, Neuland zu betreten

Ich muss nach Görlitz und habe mich für die Bahn entschieden. Auf dem Weg genieße ich die Gelegenheit, in Ruhe die Zeitung zu lesen. Ab und zu springt mir eine Schlagzeile in die Augen und ich lese weiter.

Und da bin ich in Gedanken schon wieder bei so einem Wort, das mir vor einiger Zeit im Gottesdienst begegnet ist: „Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den Herrn zu suchen.“ (Hosea 10,12)
Gesagt hat dieses Wort der Prophet Hosea. Es ist Appell und Warnung zugleich. Zur Zeit des Propheten steckte das Volk Israel in Schwierigkeiten. Es wurde von äußeren Feinden bedroht, war innerlich zerrissen und musste um seine Existenz fürchten. In diese Situation hinein sagt der Prophet, es ist Zeit, Neuland unter den Pflug zu nehmen. Für ihn ist klar, alte Lösungen werden das Unheil nicht aufhalten. Neue Wege haben für Hosea aber unbedingt mit einer Hinwendung zu Gott zu tun. Es geht darum, mit Gott neue Wege zu gehen.  Daran denke ich, wenn uns beispielsweise beunruhigende Nachrichten aus Israel und Palästina erreichen. Land und Menschen sind in Gefahr und müssen um ihre Existenz fürchten. Solange ich denken kann, haben Politiker aus aller Welt versucht, im Nahostkonflikt zu vermitteln und Lösungen zu finden. All diese Versuche sind am Ende ohne Erfolg geblieben. Man könnte sagen, die alten Wege sind ausgetreten; es ist Zeit, neue Wege zu gehen. Das Bild vom zu pflügenden Neuland deutet an, diese Wege erfordern harte Arbeit. Ich bin überzeugt, neue Wege werden nur die Israeliten und Palästinenser finden, die mit Gott danach suchen und nicht die, die den Glauben für ihre Zwecke und Vorstellungen instrumentalisieren.
Von solchen Menschen wissen auch andere Propheten ein Lied zu singen. Amos klagt zu seiner Zeit über die Reichen, die auf Kosten der Armen immer reicher werden und nicht davor zurückschrecken, dafür den Glauben zu missbrauchen. Sie bringen das Land und die soziale Ordnung in Gefahr. Ich kann mich bis heute darüber freuen, dass wir in Brasilien Weltmeister geworden sind. Aber ich vergesse darüber nicht die Bilder von Brasilianern, die auf die Straße gegangen sind, um dagegen zu demonstrieren, dass die Weltmeisterschaft mit Mitteln finanziert wird, die in diesem Land dringend für Bildung und Gesundheit gebraucht werden. Auch hier ist es an der Zeit „Neuland“ zu betreten. Und ich bin sicher, es werden nicht Menschen wie der FIFA-Präsident Sepp Blatter sein, die es finden.
An dieser Stelle lande ich unweigerlich bei mit selbst. Die Bedrohungen, vor denen die Propheten warnen, entstehen durch Menschen, die ihr Leben nur noch vor sich selbst verantworten wollen. So gesehen ist es immer und für jeden an der Zeit „Neuland unter den Pflug“ zu nehmen. Damit wir das können, hat Gott schon längst den ersten Schritt getan. Er geht mit uns auf die Suche nach dem neuen Land in seinem Sohn, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich. (Johannes 14,6).

Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus