26.05.2014

Anstoß 22/2014

Zeit, die nicht verloren ist

Bei uns, also im Seelsorgeamt des Bistums Erfurt, ist es zur guten Gewohnheit geworden, jede Sitzung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit der Bibel zu beginnen. Als eine der Referentinnen im März von einer Weiterbildungsreise, die sie auf die Philippinen geführt hatte, wiederkam, hatte sie jede Menge toller Erfahrungen im Gepäck. Eine davon: gemeinsames Bibellesen.

Natürlich hatten wir auch davor schon gemeinsam in der Bibel gelesen, das sogenannte Bibel-Teilen war uns kein Fremdwort. Bei der ersten Seelsorgeamtssitzung, bei der die Kollegin wieder zugegen war, ließ sie uns das Bibel-Teilen, wie sie es auf den Philippinen kennengelernt hat, ganz praktisch erfahren. Ich kann an dieser Stelle nur auszugsweise davon erzählen.
Der erste Punkt: Begrüßen – sich zu Christus setzen. Dann wurde eine entsprechende Bibelstelle zweimal vorgelesen. Jeder hatte den Text auf einem Blatt Papier vor sich, denn nach einem persönlichen Nachdenken über den Text, sollte jeder auf dem Blatt die Worte, die ihn besonders angesprochen haben, mit einer durchgezogenen Linie unterstreichen. Und die Worte, die ihn störten, irritierten oder herausforderten, sollten mit einer gestrichelten Linie gekennzeichnet werden. Nach der persönlichen Besinnung, was Gott mir vielleicht durch die von mir markierten Worte sagen will, hieß es plötzlich: „So und jetzt tauscht euch in Dreiergruppen aus!“ Es war ein toller  Austausch, bei dem es keine Diskussion, keine Belehrung oder gar Predigt gab. Dann hieß es, in der Kleingruppe füreinander zu beten, still. Zuerst sollte man während des Gebets seinem rechten Nachbarn die Hand auf die Schulter legen, dann dem linken. Es ist nur eine kleine Geste, aber dieses sozusagen handgreifliche Gebet war schon sehr besonders.
Am Ende dieses Bibel-Teilens frug unsere Kollegin, wie wir diese doch ungewohnte Art empfunden haben. Jemand brachte es auf den Punkt:  „In den Jahren, die ich im Seelsorgeamt arbeite, habe ich noch nie so eine dichte und tiefe Atmosphäre erlebt“.
Der Blick auf die Uhr zeigte uns: Das Ganze hat etwa eine Stunde gedauert. Eine Stunde! Rentiert sich das? Hätte man in der Zeit nicht schon andere wichtige Dinge besprechen können? Manchmal sitzt man wie auf Kohlen, weil einem der nächste Termin oder andere anstehende Aufgaben im Nacken sitzen. Und dennoch: die Zeit ist nicht verloren; im Gegenteil, sie ist bestens investiert. Man muss es nur ausprobieren: im Pfarrgemeinderat, im Familienkreis, eben dort, „wo zwei oder drei…“

Von Andrea Wilke, Erfurt