21.09.2012

Anstoss 37/2012

Worüber wir staunen können

In London steht eine Druckerei. Noch so eine alte, in der noch keine Computer die ganze Arbeit erledigen. Setzer reihen noch mühsam jeden Buchstaben aneinander um eine Seite zu gestalten.

In dieser Druckerei herrscht eine riesige Unordnung. Und so fällt überhaupt nicht auf, dass in einer alten Ledertasche eine Bombe versteckt ist. Niemand weiß, wie die Bombe hereingekommen ist und es ist für unsere Geschichte auch nicht wirklich interessant. Da die Bombe einen Zeitzünder hat, wird sie losgehen. Und sie geht los. Mit lautem Getöse fliegt alles in die Luft. Setzkästen fliegen durch den Raum und ihr Inhalt wirbelt durcheinander. Bloß gut, dass gerade keiner im Raum war. Aber der Lärm, der Knall und der Dreck ruft die Drucker zurück. Geschockt stehen sie vor ihren Maschinen und Gerätschaften. Als sich der Qualm verzogen hat, können sie die Bescherung sehen. Doch anstelle wilder Verwüstung steht die vierundzwanzigbändige Ausgabe des britischen Lexikons – die Enzyklopädia Britannica - fertig gesetzt und gedruckt vor ihnen. Was die Setzer wochenlang nicht schafften, erledigt eine Explosion in drei Sekunden. Alle Artikel in  der richtigen Reihenfolge, Seitenzahlen und Querverweise stimmen, selbst das Preisschild klebt an der richtigen Stelle. Zufall? Unmöglich, sollte man sagen!

Diese unglaubliche Geschichte von der Druckerei erzählte Albert Einstein und antwortete damit auf die Frage, ob er  glaube, dass das Leben durch einen Zufall entstanden sei. „Er“, so Einstein, „glaube das nicht“. Ein Zufall war ihm zu unwahrscheinlich. Aber was sonst? Gott? Einstein wusste es nicht, obwohl er sich Gott vorstellen konnte. Er blieb offen für das Wunder des Lebens auf der Erde. Einstein, der Nobelpreisträger, hatte etwas wichtiges nicht verlernt. Er staunte! Er staunte über das Wunder des Weltalls – von den größten Galaxien bis zum kleinsten atomaren Teilchen. Er staunte über belebte und unbelebte Materie, über das Wunder der Musik und die Logik der Mathematik, er staunte über die physikalischen Gesetze und die Schönheit der Schöpfung.

Was Einstein dagegen nicht tolerierte waren Menschen, die das Staunen verlernt hatten und die alles ganz genau zu wissen meinen. Da konnte er regelrecht sarkastisch werden: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Geben wir uns Mühe, das Staunenswerte nicht zu übersehen und machen wir uns und unsere Weltsicht nicht zum Maß aller Dinge. Gott hat mehr zwischen Himmel und Erde versteckt, als in unsere Vorstellung passt. Nicht einmal Nobelpreisträger können das alles fassen.  .

Guido Erbrich, Roncallihaus, Magdeburg