01.09.2014

Wort des Paulus oder "des lebendigen Gottes"?

Am Ende der Lesung heißt es immer „Wort des lebendigen Gottes“, obwohl es doch zum Beispiel ein Brief von Paulus war. Ist das nicht ein Widerspruch? Wessen Wort ist es: Paulus’ oder Gottes? A. M., Plaue

Den Widerspruch, den Sie meinen, lösen Theologen mit dem Begriff „Inspiration“ (In-spirare = Ein-hauchen) auf. Das bedeutet, dass beim Zustandekommen der Bibel Gott und Mensch zusammengewirkt haben. Künstler haben deshalb manchmal eine Taube als Symbol des Heiligen Geistes auf die Schulter des Paulus, der Evangelisten oder der Propheten gesetzt: Sie soll ihnen den Text quasi einflüstern. Aber ein „göttliches Diktat“ ist die Inspiration nicht.

Das Zusammenwirken von Gott und Mensch umfasst mehrere Ebenen. Die erste ist sicher die Entstehung des Textes selbst. Wenn wir glauben, dass Christen vom Geist Gottes erfüllt sind, dann gilt das sicher auch für die biblischen Schriftsteller. Sie schreiben ganz selbst, mit ihrem eigenen Kopf, aber sind doch angetrieben, angehaucht, beseelt vom lebendigen Geist Gottes. Genau deshalb kann man ganz richtig sagen: „Wort des lebendigen Gottes“; genauso richtig ist aber, dass es am Anfang der Lesung heißt: „… aus dem Brief des Apostels Paulus“. Denken des Menschen und Wirken des Geistes sind nicht zu trennen oder gegeneinander auszuspielen. Was übrigens nicht nur für biblische Schriften gilt.

Die „Inspiration“ geht aber weiter: Inspiriert ist auch die Zusammenstellung der Bibel. Denn es gab weitere Evangelien, Briefe, Schriften jeder Art. Der lange Prozess zu entscheiden, welche davon in die Bibel aufgenommen werden und welche nicht, war, so glauben wir, ebenfalls vom Geist Gottes begleitet.

Und schließlich sind auch wir als Leserinnen und Leser inspiriert: Wie wir die biblischen Texte lesen, sie verstehen, sie in unser Leben hineinnehmen – das alles ist vom Geist Gottes begleitet, beatmet, eingehaucht. Deshalb lesen wir das „Wort des Paulus“ niemals ohne Gottes Geist, also ohne dass es gleichzeitig ein Wort Gottes ist, der in uns lebendig ist.

Susanne Haverkamp