08.10.2015

Anstoß 41/2015

Wo folge ich meinem Gewissen?

Vor wenigen Tagen waren wir mit Mitgliedern der Pallottinischen Gemeinschaft in der  Gedenkstätte des ehemaligen Zuchthauses Brandenburg-Görden.

Zwischen 1942 und 1945 wurden hier etwa 1400 Menschen enthauptet, einige gehenkt oder erschossen. Unter ihnen war ein Mitbruder, Pater Franz Reinisch. Als einziger Priester verweigerte er den Fahneneid auf Hitler. „Ich kann als Christ und Österreicher einem Mann wie Hitler niemals den Eid der Treue leisten...“
Als am 20. August 1942 das Todesurteil durch den Staatsanwalt verlesen wurde, kommentierte dieser: „Der Verurteilte ist kein Revolutionär, das heißt Staats- und Volksfeind, der mit Faust und Gewalt kämpft, er ist ein katholischer Priester, der die Waffen des Geistes und des Glaubens gebraucht. Und er weiß, wofür er kämpft.“ Franz Reinisch ließ sich nicht verbiegen. Was für ein Mut! Was für eine Glaubenskraft und innere Freiheit, sich nicht dem übermächtigen Druck zu beugen! Franz Reinisch widerstand auch der persönlichen Überredungskunst von nahen Menschen. Der Militärbischof versuchte massiv, ihn umzustimmen, ebenso der Vizeprovinzial der Pallottiner. Gegen all diesen moralischen Druck blieb er seinem Gewissen, und damit Gott treu. Er leistete Widerstand. Gewaltfrei.
Lebendiges Andenken im Seligsprechungsprozess  von Franz Reinisch rüttelt mich persönlich wach. Wer ist „Gott“ in meinem Leben? Wo folge ich meinem Gewissen? Wo setze ich klare Zeichen gegen Unrecht, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, in der Kirche – in der eigenen Verwandtschaft? Schon Paulus rüttelt uns aus dem Schlaf gesellschaftlicher Anpassung. „Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. [...]  Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ (Röm 13,11-12) Christus sagt von sich „Ich bin das Licht der Welt“(Joh 8,12). Es ist mehr denn je an der Zeit, für das Licht zu streiten und sich dafür fit zu machen! Viele Probleme lassen sich ohnehin am besten mit den Waffen des Lichts lösen: mit Ehrlichkeit, mit solidarischem Einsatz, mit Gebet. Ein gelungenes Beispiel ist beispielsweise die jährliche Wallfahrt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zum Reinisch-Treff nach Kirchmöser in Brandenburg. Es sind junge Menschen, die die Erinnerung  lebendig halten. Am 21. August 1942 wird Pater Reinisch um 5.03 Uhr früh  von den Nazis enthauptet. Der Reinisch-Treff  endet in einem gemeinsamen Gottesdienst zur gleichen Uhrzeit.   Vielleicht entspricht der frühe Tagesbeginn ja dem Wachrütteln, um immer mehr mit den Waffen des Lichtes gegen alles Unrecht aufzustehen!

Lissy Eichert UAC, Pastoralreferentin, Berlin