18.10.2013

Das neue Gotteslob kommt, das bedeutet Abschied vom alten. Gläubige erinnern sich

Wie einen Schatz behütet

Nicht ganz vierzig Jahre lang hat das alte Gotteslob die katholischen Gläubigen in Deutschland begleitet. Im Gottesdienst, bei Beerdigungen oder bei Andachten. Drei Menschen erzählen, warum ihr altes Gotteslob für sie nicht nur irgendein Gesangbuch war.

 

Für viele ist das eigene alte Gotteslob jahrzehntelang ein treuer Begleiter gewesen. Foto: privat

Die Sonne scheint am Sonntag, 8. April 1956, im schwäbischen Bad Buchau. Mit ausreichend Zuckerwasser hat Roberts Mutti die Haare ihres jüngsten Sohnes gebändigt. Akkurat sind sie jetzt gescheitelt. Sein Anzug ist ein bisschen zu groß. Was soll’s. Heute ist Roberts großer Tag. Er feiert seine Erstkommunion.

Jahrzehnte später kann sich der 65-jährige Robert F. noch an alles erinnern. Vor allem an das Geschenk seiner Lieblingstante Liese. Heute steht es im Bücherschrank des pensionierten Lehrers, direkt neben der Bibel.  „Die Tante Liese hat mir damals das Gesangbuch geschenkt“, erzählt er. „Zusammen mit Einband.“ Wie einen Schatz habe er das Gesangbuch als Kind gehütet. „Wir hatten damals ja nicht viel, auch weil der Vater nicht aus dem Krieg heimgekehrt ist.“ „Gesang- und Andachtsbuch für das Bistum Rottenburg“ steht auf der ersten Seite. Diese Eigengebetbücher der Diözesen waren die Vorläufer des Gotteslobs.

„Es hat uns miteinander verbunden“

Vorsichtig hält Robert F. das Buch in dem schwarzen Einband in seinen Händen. „Ich verbinde viele Erinnerungen mit dem Buch.“ Ende der 80er Jahre kam seine Tante Liese ins Altenheim. Seine Frau und er kümmerten sich um sie. „Sie hatte ja keine eigenen Kinder.“ Wenn er sie besuchte, nahm er das alte Gesangbuch mit. „Das neue Gotteslob gab es damals zwar schon, aber mit dem Buch verband uns etwas, deshalb hatte ich es dabei. „Ich habe das Buch genommen und wir haben zusammen gesungen und gebetet.“ Das Totenbildchen seiner Tante liegt seitdem im Gesangbuch.

Voll von Totengedenkbildern ist das Gotteslob von Mechthild Peters. Es müssen an die sechzig sein, aber genau kann man das nicht sagen, sie liegen bunt gemischt zwischen den dünnen Seiten. Peters blättert durch das Gotteslob, faltet immer wieder die einzelnen Totenbilder auf. „Das war mein Deutschlehrer. Den habe ich sehr gemocht. Und das ist mein Cousin. Er ist bei einem Autounfall gestorben“, erzählt die 74-Jährige und schaut auf das Bild ihres verstorbenen Vetters.

Mechthild Peters weiß noch nicht, was sie mit den Sterbebildern macht, wenn das neue Gotteslob kommt. „Vielleicht werde ich ein paar herausnehmen und in das neue Gotteslob stecken. Also die, die mir sehr wichtig sind“, sagt sie. „Aber eigentlich gehören sie ja in das alte. Ach, ich weiß noch nicht.“

Das Gotteslob – ein beliebtes Geschenk

Ganz genau weiß sie dagegen, wo sie das alte Gotteslob aufbewahren wird. Im Schlafzimmer im Bücherfach ihres Nachttisches. „Dann kann ich es mal herausnehmen und im Bett ein Liedchen summen“, sagt sie und lacht. Peters hofft, dass das neue Gotteslob nach den ersten Problemen bald herauskommt. „Weil mein Enkel nächstes Jahr Erstkommunion hat und dann will ich ihm das schenken. Mein erstes Gesangbuch habe ich auch von meiner Omi bekommen.“

Maria Schäfers hat sich ihr Gotteslob selbst gekauft. „1975 war das. Von meinem ers-ten Auszubildendengehalt. Da war ich sehr stolz.“ Die Geschichte von Maria Schäfers und ihrem Gotteslob ist auch eine Geschichte des Verlustes. „Also fragen Sie mich bloß nicht, wie oft ich mein Gotteslob schon verlegt habe“, sagt die 55-Jährige. „Das letzte Mal habe ich Antonius zwanzig Euro geben müssen“, sagt sie und lacht. Sie meint den Opferstock vor der Statue des heiligen Antonius in ihrer Gemeindekirche in Wuppertal. Das macht sie immer so. Wenn sie etwas nicht mehr findet, „besucht sie Antonius“ und zahlt. Danach findet sie es dann wieder.

„Das Gesangbuch braucht auch Bilder“

Wegen ihrem Gotteslob war sie schon öfters bei Antonius. Einmal war es im Auto unter den Sitz gerutscht. Einmal in der Handtasche, die sie sonst nie benutzt, und ein paar Mal hat sie es in der Kirche liegenlassen. Mittlerweile werde Antonius immer teurer, sagt sie. „Aber das Gotteslob ist es mir wert.“ Ganz hinten in ihrem Gotteslob liegen noch ein paar kleine weiße Zettel. Kinderzeichnungen. „Die haben meine Töchter als kleine Kinder gemalt“, sagt Schäfers. „Das Gesangbuch braucht auch Bilder, haben sie gesagt.“ Seitdem gehören die Bilder fest in ihr Gotteslob.

Von Daniel Gerber