29.11.2012

Zehn Jahre Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt

Wichtige Rolle, wenig Geld

Die wichtige Rolle der Theologie in der modernen Gesellschaft und die besondere Situation der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt standen im Zentrum der Feier zum zehnjährigen Bestehen der Universitäts-Fakultät. Den Festvortrag hielt Bundesbildungsministerin Annette Schavan.

 
Vor zehn Jahren wurde die Katholisch-Theologische Fakultät Erfurt an der Universität errichtet. Mit einem Festgottesdienst und einer Festakademie wurde daran am Patronatsfest Albertus Magnus erinnert. Fotos: Eckhard Pohl  

„Die Theologie gehört heute mehr denn je an die Universität, in das Haus der Wissenschaften. Denn in der multikulturellen und multireligiösen Welt wächst die Nachfrage nach Fachkompetenz auf religiösem Gebiet.“ Anlässlich des zehnten Jubiläums der Errichtung der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Erfurt plädierte die Festrednerin und Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, für eine selbstbewusste Theologie an der Universität und erinnerte an das „Mehr“ und die prägende Kraft des Christentums.

Die Religion ist in die Gesellschaft zurückgekehrt
Nach Zeiten, in denen man glaubte, die Bilder und Deutungsmuster der Naturwissenschaften hätten die der Religion verdrängt und Religion sei nicht mehr nötig, ist die Religion „heute auf die Bühne der Zeit zurückgekehrt“, betonte Annette Schavan bei ihrem Festvortrag am Albertus-Mag
nus-Tag, dem Patronatsfest der Theologischen Fakultät am 15. November. Denn „wer eine Gesellschaft verstehen will, muss sich mit den Quellen ihrer Werte und Grundhaltungen befassen, muss wissen, woraus Menschen ihre Hoffnung schöpfen“. Deshalb könne es der Politik „nicht egal sein, was in einer Gesellschaft in Sachen Religion passiert“, so die Ministerin. Echte religiöse Toleranz in einer Gesellschaft sei nur dort möglich, „wo über die Reli-
gion reflektiert wird, also theologische Reflexion stattfindet“. Denn „theologische Reflexion klärt auf“ und „schützt vor Verengung“. Zudem brauche die Kirche selbst die Anstrengung des Glaubensdenkens, wenn sie den Glauben weitergeben will.

Christliche Theologie müsse heute mehr denn je im Sinne von Religionswissenschaft auch „deutlich herausarbeiten, was die christliche Religion auszeichnet“.  Zugleich aber „braucht die christliche Theologie das gelebte Bekenntnis“, betonte Schavan, die selbst neben Erziehungswissenschaften und Philosophie katholische Theologie studiert hat. „Diese Bindung erschließt erst, warum geglaubt wird“ und „unterscheidet die Theologie von der Religionswissenschaft“.

Nach Ansicht der Bildungsministerin werden die Auseinandersetzungen der Zukunft über die Wasserressourcen und über Fragen der Religion geführt.  Für die christliche Theologie heiße das, „dorthin zu gehen, wo die religiö-
se Vielfalt am größten ist“. Denn für Kirche und Theologie stehe die Frage im Raum: „Welchen Beitrag leisten die Kirchen und Religionsgemeinschaften für den Frieden unter den Religionen? Wie öffnen wir Räume für ernsthafte religiöse Reflexionen, die den religiösen Bewegungen ihre Verantwortung vor Augen führen?“ So könnten Deutschland und Europa etwa viel für eine wissenschaftliche Reflexion des Islam tun. Entsprechend gebe es neben den Theologischen Fakultäten und jüdischen Hochschuleinrichtungen Bestrebungen, islamische Theologie an Hochschulen zu etablieren. Angesichts dieser Situation sei es um so dringlicher, so die Bildungsministerin, bei jungen Leuten Interesse an der theologischen Wissenschaft zu wecken.

Bei der anschließenden Po-
diumsdiskussion stand neben der Erinnerung an die Errichtung der Fakultät besonders die aktuelle Situation im Mittelpunkt. Der emeritierte Erfurter Bischof Joachim Wanke betonte die Notwendigkeit einer eigenen theologischen Reflexion und Selbstkritik der Kirche im Bereich der neuen Bundesländer mit ihren vielen nichtreligiösen Zeitgenossen. Thüringens früherer Ministerpräsident Bernhard Vogel erinnerte unter anderem an die Schwierigkeiten bis zur Fakultätsgründung. So habe etwa die Römische Kurie den Fortbestand der kirchlich-theologischen Hochschule in Erfurt favorisiert. Vogel bezeichnete die Fakultät als „Schmuckstück“. Der frühere Uni-Rektor Wolfgang Bergsdorf betonte, dass Gründungsrektor Peter Glotz eine geisteswissenschaftliche Universität errichten wollte und für ihn dazu notwendig auch die Theologie gehörte. Bergsdorf lobte die Sensibilität der Fakultät für die Ökumene und die Situation von Christen in der Minderheit.

Der gegenwärtige Präsident der Universität Erfurt, Professor Kai Brodersen, beklagte die unzureichende Finanzierung der Fakultät mit ihren 13 Lehrstühlen. Die Arbeit der Universität werde zu 75 Prozent nach den Studierendenzahlen finanziert. Brodersen forderte den Freistaat Thüringen auf, sich zur Katholisch-Theologischen Fakultät zu bekennen, um diese angesichts der vergleichbar wenigen Studierenden finanziell zu sichern. Bischof emeritus Wanke erinnerte daran, dass die Universität bewusst als Reformhochschule mit weniger Studierenden als an den Massenuniversitäten errichtet worden sei. Alle Diskutanten waren sich darin einig, dass die Universität Erfurt mit ihrem besonderen Profil finanziell entsprechend ausgestattet werden müsse.

 
Marlen Bunzel aus Erfurt wurde für ihre theologische Diplomarbeit zum Thema „Ijob im Rahmen – Eine narrative Analyse zu Ijob 1-2; 42,10-17“ vom Vorsitzenden des Freundeskreises der Fakultät, Jürgen Wehlisch, mit dem Förderpreis der Fakultät in Höhe von 500 Euro geehrt.  

Theologie für die Situation der neuen Bundesländer
Angesichts von Überlegungen etwa des Berliner Kardinals Rainer Maria Woelki, in Berlin die Präsenz der katholischen Theologie institutionell zu stärken, sagte Bischof Wanke: „Aktuell steht die Frage nicht an.“ Es sei aber durchaus nötig, als Katholische Kirche in der Bundeshauptstadt intellektuell-theologisch präsent zu sein. Zugleich verstehe sich die Katholisch-Theologische Fakultät Erfurt als Einrichtung, in der auf dem Hintergrund der Kirche in allen neuen Bundesländern theologisch gedacht werde.
Zuvor hatte im Festgottesdienst der Görlitzer Bischof und frühere Erfurter Regens Wolfgang Ipolt dazu ermutigt, sich besonders als Studierende und Lehrende der Theologie um einen persönlichen Glauben zu mühen. Vom Fakultäts-Patron Albertus Magnus stamme der Satz: Wer sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, wird nach ihnen umgestaltet. Dieser Möglichkeit, verändert zu werden, dürfe man sich aber nicht widersetzen, so Ipolt. Stattdessen gelte es, den Glauben mit dem Herzen zu bekennen, sich immer wieder in der Liturgie stärken zu lassen, persönlich zu Gott zu beten und so den Glauben zu leben.

Eckhard Pohl

 

Mehr infos: http://www.uni-erfurt.de/theol/