03.08.2017

Anstoss 31/2017

Wer die Nachtigall hört

Bis heute bewegt mich der Film „Wer die Nachtigall stört“ (orginal To Kill a Mockingbird) aus dem Jahr 1962. Die Geschichte spielt in Alabama (USA).


Es herrscht wirtschaftliche Depression und blinder Rassismus. Da verteidigt der weiße, kompetente Rechtsanwalt Finch den afroamerikanischen Familienvater Robinson, als dieser wegen Vergewaltigung einer weißen Frau angeklagt wird. Er rettet ihn vor dem Lynchmob und beweist die Wahrheit. Robinson hat niemandem etwas getan. Es war die weiße Frau, die den Afroamerikaner gegen seinen Willen küsste. Trotz offensichtlicher Unschuld scheitert der Prozess. Die weiße Jury beugt sich dem ungeschriebenen Gesetz der Südstaaten: Der Aussage einer Weißen ist mehr zu glauben, als der eines Schwarzen. Als der so Verurteilte nach dem Prozess einen Fluchtversuch unternimmt, wird er erschossen. Das erklärt den Titel. Die Nachtigall wird gejagt, obwohl sie doch nur schön singt und niemandem etwas zu Leide tut.
Der Fall erschüttert damals das Weltbild. Der Roman hat Breitenwirkung bis in die amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre. „In den geheimen Gerichtshöfen des Herzens“, schreibt die Autorin Harper Lee, war Finch „als Verteidiger nicht zugelassen.“
Ich stelle ein mulmiges Gefühl fest beim Gedanken an die Haftbefehle gegen Menschenrechtler in der Türkei. Erstmals in der 56-jährigen Geschichte von Amnesty International sind mit dem deutschen Peter Steudtner und dem schwedischen Ali Gharavi zwei führende Vertreter der Menschenrechtsorganisation in Haft. Ihnen wird vorgeworfen, durch einen Routine-Workshop den Terror unterstützt zu haben. Werden Verteidiger gehört? Wird Gerechtigkeit gewährt? Oder wird die Nachtigall einmal mehr gejagt?
Wie gut wäre ein Zugang zu den „geheimen Gerichtshöfen der Herzen“! Hilft wieder nur Gebet? Die Gethsemanekirche lädt jeden Abend zum Gebet für ihr Gemeindemitglied Peter Steudtner ein. Ich nehme mir vor, gedanklich mitzubeten und spüre, es braucht mehr. Tatsächlich mehr noch als die Hoffnung auf ein Wunder. Mehr auch als öffentlichen Protest Regierungsverantwortlicher. All das ist fraglos wichtig. Aber wir brauchen mehr Weckrufe der Nachtigall. Mehr Weltbilder, die erschüttert werden. Damit sich unsere Solidarität mit Menschen durchsetzt, die sich im Einsatz für Frieden für uns in Gefahr befinden.

Lissy Eichert, Berlin