03.10.2012

Anstoss 39/2012

Wer der erste sein will

Wenn die Tage kürzer werden, erinnere ich mich gern an das, was ich im Sommer erlebt habe.

In diesem Jahr waren wir mit Jugendlichen auf einer Hüttentour in den Alpen. Besonders gut hat es uns auf der Hauerseehütte gefallen. Das lag sicher auch an dem freundlichen Hüttenwart, einem evangelischen Diakon, der dort oben als Ehrenamtlicher nach dem Rechten sieht. Nach einer herzlichen Begrüßung mit Tee und Gebäck lud er uns mit einer kleinen Warnung in seine Hütte ein: „Vorsicht, hier oben braucht man Demut.“ Er hätte uns auch einfach sagen können, dass wir beim Reingehen den Kopf einziehen sollen. Denn was heute eine kleine Selbstversorgerhütte ist, die der Alpenverein offen hält, damit Wanderer Touren durch diesen Teil der Ötztaler Alpen machen können, war einmal der niedrige Keller einer größeren Hütte.

Bei Demut denken viele Menschen daran, dass man den Kopf einziehen und sich klein machen muss. Damit gehört die Demut sicher nicht zu den angesagten Tugenden unserer Tage. Aus dem Lateinischen leitet sich das Wort von humilitas ab und bedeutet tatsächlich Erniedrigung. Was das wirklich bedeutet, wird klar, wenn man das Wort unter die Lupe nimmt. In humilitas versteckt sich humus, das den Erdboden meint. Man könnte also sagen, humilitas heißt, der Erde nahe zu sein, dem Erdboden nahe zu sein oder einfach, auf dem Boden zu bleiben. Zugegeben eine sehr freie Übertragung. Aber sie macht deutlich, was Demut sein kann. Es geht um eine Haltung, die ein Mensch aus freien Stücken einnimmt.

Diese Haltung fordert Jesus von seinen Jüngern ein, wenn er ihnen sagt: „Wer der erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ (Markus 9,35) Er sagt es ihnen in dem Augenblick, als die Jünger darüber streiten, wer unter ihnen der Größte sei. Die Jünger sollen sich nicht übereinander erheben, sondern auf dem Boden bleiben. Eine gute Übung scheint die Erniedrigung zu sein. Jesus stellt ein Kind in ihre Mitte und zeigt den Jüngern, worum es geht. Wer sich um die Kleinen und Geringen kümmert, nimmt in ihnen Gott selber auf. (Markus 9,33-37)

Wenn ich daran denke, was wir in den vergangenen Wochen erlebt haben, wird mir deutlich, wie wichtig Demut ist. Menschen stellen ein Hassvideo gegen den Propheten Mohammed ins Internet und erheben sich über den Glauben anderer. Demütige Menschen würden auf so ein Video verzichten, das nichts anderes will, als klein machen und verletzen. Fast überall in der arabischen Welt reagieren Muslime mit gewaltsamen Protesten und erheben sich gegen die westliche Welt. Demütige Menschen würden auf Gewalt verzichten, die immer nur die Falschen trifft. Demut ist nicht nur da oben auf der Hauerseehütte eine wertvolle Tugend. Und sie ist nicht nur etwas für die anderen. Das Wort Jesu gilt auch mir: „Wer der erste sein will, soll der Letzte von allen sein.“

Marko Dutzschke, Kaplan in Cottbus