21.03.2012

Anstoss 12/2012

Wer bin ich eigentlich?

Bei einem Praktikum passiert es nahezu jeden Tag, dass man gefragt wird: Wer bist du?

Vielleicht haben Sie selbst sich auch schon gefragt „Wer bin ich eigentlich?“ Zunächst lautet die Antwort ganz einfach: „Ich bin natürlich ich, wer sollt ich sonst sein!“
Viele Menschen antworten mit dem Namen: „Ich bin ....“ Da der Name aber eigentlich nicht viel über uns aussagt, stellen wir uns auf verschiedene Weise vor. Die Männer beginnen meistens mit ihrem Beruf oder mit einem besonderen Besitz, dem Haus oder dem Auto. Die Frauen beginnen eher mit ihrer Familie und ihren Freunden. Die Vorstellung geht dann meistens weiter mit Dingen die man tut, zum Beispiel Sport, Hobbys oder Essen und endet dann, wenn man sich besser kennt, bei Dingen, die man für besonders wertvoll hält.
Wir Menschen definieren uns vorwiegend über diese fünf Lebensbereiche: Beziehungen, Beruf, Besitz, Körper und Werte. Ein Beispiel: „Ich bin Sybille, bin verheiratet und habe zwei Kinder. Ich arbeite halbtags als Verkäuferin und wohne in einer Eigentumswohnung. Ich bin gerne in der Natur und mache regelmäßig Sport. Mir sind das tägliche Frühstück, der sonntägliche Gottesdienst und eine gute Gesprächskultur mit meinem Mann wichtig.“ Von dieser Frau wissen wir nun doch schon einiges oder doch nicht?
Wenn einer dieser fünf Bereiche massiv eingeschränkt wird, geht es uns meistens ziemlich schlecht und wir fühlen uns nicht vollwertig. Wenn jemand sich nicht mehr bewegen kann oder wenn der Ehemann und die Kinder sterben oder wenn die Arbeitsstelle gestrichen wird,  dann sind das massive Einschnitte, weil Teile der Identität verloren gehen. Wenn ich all das verliere, dann bin ich – außerhalb des christlichen Glaubens – niemand mehr.
Gott ist, wie er sich im Gespräch mit Mose in Exodus 3,14 vorstellt „Ich bin der Ich-bin-da.“ Das bedeutet, dass mein persönliches „Ich bin“ mit den Augen des Glaubens betrachtet im unendlichen und ewigen Da-Sein Gottes geborgen und aufgehoben ist. Unser „Ich bin“ hat mit Gott zu tun. Er hat unser „Ich bin“ geschaffen und gewollt. Deshalb sind nicht die verschiedenen Lebensbereiche in unserem Leben das Entscheidende, sondern unsere Identität von Gott her.
Beziehungen, Körper, Besitz, Werte, Arbeit gebrauchen wir in dieser Welt, doch sollte uns immer wieder bewusst sein, dass dies alles vergeht. Einzig unser „Ich bin“ bleibt. Dieses „Ich bin“ ist vom Schöpfer gewollt, so wie es ist.
Martin Föhn, Novize der Jesuiten und Praktikant in Leipzig, und Sr. Susanne Schneider, Kontaktstelle Orientierung