21.09.2012

In Görlitz ist die neue Pfarrei „Heiliger Wenzel“ errichtet / Der Patron ist noch ein wenig unbekannt

Wenzel, wer war das überhaupt?

Per Dekret hat Bischof Wolfgang Ipolt die Pfarrei Heiliger Wenzel in Görlitz errichtet. Am 16. September wurde gefeiert und Norbert Joklitschke als Pfarrer dieser Pfarrei in sein Amt eingeführt.

Sechs von zehn Mitgliedern der katholischen Jugendband Görlitz während der Andacht am 16. September in Heilig Kreuz. Hinter ihnen das Bild des Heiligen Wenzel. Foto: Raphael Schmidt

Von Raphael Schmidt

Görlitz. „Schlüssel haben eine besondere symbolische Bedeutung. Man verstand den Schlüssel als ein Zeichen des Wissens. Wer über den Schlüssel verfügt, dem wird Zugang zu ansonsten verschlossenen Bereichen gewährt – bis dahin, dass sich ihm Herzen öffnen, dass ihm Dinge des Gewissens enthüllt werden – freilich oft verbunden mit einer strengen Schweigepflicht“, sagte Pfarrer Norbert Joklitschke in der ersten Andacht der Pfarrei Heiliger Wenzel am 16. September in der Pfarrkirche Heilig-Kreuz in Görlitz. Zuvor waren dem neuen Pfarrer der ebenso neuen Görlitzer Pfarrei von Domkapitular Krystian Burczek die Schlüssel übergeben worden. „Eine der wesentlichen Aufgaben besteht darin, den Zugang zu Gott zu öffnen und offen zu halten“, sagte Pfarrer Joklitschke und ergänzte: „Ich habe nicht nur ein Stück Eisen erhalten, sondern ein wichtiges Zeichen kirchlichen Lebens“.

 

Jeder ist für den anderen auch Seelsorger

Neben Schlüsseln aus Eisen, die Pfarrer Joklitschke auf dem Altar der Heilig-Kreuz-Kirche vorübergehend ablegte, hatte er bereits andere zurechtgelegt: „Gemeinde ist im Mittelpunkt – sechs Orte, sechs Kirchen, alle sollen eigenes Gemeindeleben führen“, sagte er. Man müsse wahrnehmen und würdigen, dass Jauernick und Reichenbach eigene Gemeinden seien. „Als Getaufte sind wir einander Hirten durch allgemeines Priestertum. Jeder ist für den anderen auch Seelsorger. Der Pastor ist die Gemeinde selbst.“ Der Pfarrer sei als „Pastor Bonus“ (lat. der gute Hirte) zu verstehen. Er leite gemeinsam mit seinem Pfarrteam die Pfarrei. Ein weiterer „Schlüssel“ seien die Patres in Weinhübel. „Sie bringen ihre franziskanische Spiritualität ein, nicht als Kapläne, sondern als Ordensleute in der Pastoral“, sagt Pfarrer Joklitschke.

Auch einige Schlüssel mit technischer Funktion hatte der neuen Pfarrer zurecht gelegt: Es gebe festgelegte Bürozeiten, dezentrale Büros in St. Jakobus und St. Hedwig mit Verwaltungssprechzeiten, die vereinbart werden, in Heilig Kreuz mit festen Sprechzeiten. Es gebe einen „Priester vom Dienst“. Dieser führe Gespräche, beispielsweise zu Beerdigungen. Telefongespräche bei seelsorglichen Notfällen werden zu dem entsprechenden Priester  geleitet. Die Mitglieder des Pfarr-Teams seien untereinander vernetzt und hätten einen gemeinsamen Dienstkalender. „Dazu gibt es vorzügliche technische Möglichkeiten, die wir nutzen, um voneinander zu wissen“. Weiterhin kündigte der Pfarrer systematische Hausbesuche an. Erstkommunionen und Firmungen sollen gemeinsam vorbereitet werden.

Pfarrer Joklitschke hat, wie er sagt, viel an Verwaltung gelernt, unter anderem  sechs Jahre als Diözesanjugendseelsorger und in den letzten Jahren als Ordinariatsrat und Kanzler im Bischöflichen Ordinariat. „Dabei wurde der Blick für das Ganze bis hin zur Weltkirche geschärft.“

 

Über den neuen Pfarrpatron einen Film drehen

Ein weiterer Schlüssel sei die Ministrantenarbeit. Hier soll ein Neubeginn geschafft werden. Über 100 Ministranten stehen bereit. Zehn von ihnen aus allen bisherigen Pfarreien dienten in der Andacht am 16. August gemeinsam am Altar. Die Ministrantenausbildung wird in einer der Kirchen durchgeführt. Ministrantenstunden soll es wöchentlich im Wechsel in Heilig Kreuz, St. Jakobus und St. Hedwig geben. Der Pfarrer braucht „Erwachsene, die Ministrantenarbeit machen können“. Auf weiteren Schlüsseln stand: Seniorenkreise und Jugendarbeit. Die katholische Jugendband hat in der Segensandacht mit dem Lied „Gott, du bist gut zu mir ...“ ihr Können unter Beweis gestellt. Der Domchor umrahmte die Feier musikalisch.

In Heilig Kreuz startet demnächst das sogenannte „Wenzel-Projekt“. Ziel ist es, über den neuen Pfarrpatron einen Film zu drehen, um ihn bekannt zu machen. „Unser Patronat mit dem heiligen Wenzel knüpft an die Tradition der Christianisierung von Böhmen her an“, erklärt Pfarrer Joklitschke. Dass er mit dem Film-Projekt eine Wissenslücke füllen wird, wird nach der Segensandacht bei einem Fest im Pfarrgarten deutlich, als einige Gläubige fragten: „Wenzel, wer war das überhaupt?“

 


Hintergrund

Wenzel von Böhmen – auch Wenzeslaus von Böhmen oder heiliger Wenzel (tschechisch Václav) – wurde um 908 geboren und starb am 28. September 929 oder 935 in Stará Boleslav. Er war ein böhmischer Fürst, Herrscher einer kleinen Region um Prag und zugleich Oberhaupt des böhmischen Stammesverbandes. In seiner kurzen Regierungszeit musste er sich dem ostfränkischen König Heinrich I. unterwerfen. Er hatte auch mit Gegnern aus Reihen der übrigen böhmischen Herrscher zu kämpfen und wurde schließlich von seinem Bruder Boleslav I. getötet.

Im Mittelalter wurde er zum böhmischen Landespatron. Sein katholischer und orthodoxer Gedenktag ist sein Todestag, der 28. September. Im Jahr 2000 erklärte Tschechien diesen Tag zum staatlichen Feiertag.

 


Stimmen

„Am Anfang war ich kein großer Befürworter der neuen Strukturen. Der Bischof hat den Überblick und weiß, was er macht“. Inzwischen ist Johannes Elmer für die neue Pfarrei. Er rechnet jedoch mit einer längeren Übergangszeit, bis alle in der neuen Pfarrei angekommen sind. „Die Gemeinden bleiben ja weiterhin für sich.“ Bei der Wahl der Pfarrgremien hatte er Probleme, „denn die meisten, die auf den Stimmzetteln stehen, kannte ich nicht“. Das kann sich ändern, meint er: „Es müssten öfter gemeinsame Veranstaltungen sein, damit man sich besser kennenlernt.“

Karl-Heinz Rampers kommt aus Reichenbach. „Wir waren nun als St. Anna-Gemeinde drei Jahre lang in der Pfarrei St. Hedwig–St. Wenzeslaus. Viele alte Leute bei uns haben kein Fahrzeug oder können selbst nicht Auto fahren.“ Er verweist auf die Veranstaltungen zum Patronatsfest des heiligen Wenzel Ende September: „Das ist eine große Sache und bei uns ist nichts.“ Seit 1936 sei in Reichenbach jeden Sonntag ununterbrochen heilige Messe gefeiert worden. „Höchstens in den Zeiten des Krieges war es anders. Aber mehr Katholiken werden wir halt nicht“, räumt er ein.

„Wir sind eine größere Gemeinschaft. Die Jugend wächst zusammen – das ist ein guter Grundbaustein für die nächste Generation“, ist Sandra Gruhl überzeugt. Sie kommt aus der Gemeinde St. Johannes und Franziskus in Weinhübel und sieht als Vorteil, „dass Ältere besser an die Kirche gebunden bleiben, wenn sie schon gute Erfahrungen in der Jugend gemacht haben“. Die Stadtjugendmessen, die künftig in St. Jakobus sind, findet sie gut, denn: „Alle Jugendliche haben in etwa den gleichen Fahrweg. Es gibt keine Benachteiligung.“