28.03.2012

Anstoss 13/2012

Wenn Vergebung schwerfällt

Damit ich weiß, wie schwer Vergebung ist, brauche ich nicht erst ein Buch zu lesen. Ich spüre es jedes Mal, wenn ich wieder erfolglos versucht habe, einem anderen Menschen von Herzen zu vergeben.

Dennoch oder gerade deswegen bin ich dankbar für das kleine Buch von Hans Schaller „Wenn Vergebung schwer fällt“. Der Autor ist Jesuit und denkt darüber nach, was Vergebung so schwer macht und wie sie gelingen kann.
Wenn es uns schwerfällt, zu vergeben, suchen wir nach Maßstäben, an die wir uns halten können. Wie Petrus, der Jesus fragt: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt?“ (Mt 18,21). Auch wenn die Bibel darüber kein Wort verliert, die Antwort Jesu dürfte Petrus nicht besonders gefallen haben: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ (Mt 18,22). Das siebenmalige Verzeihen, mit dem Petrus ein scheinbar großzügiges Angebot macht, wird in der Antwort Jesu noch überboten. Egal, ob Jesus nun siebenundsiebzigmal oder siebenmal siebzigmal meint, es geht nicht um eine bestimmbare Anzahl, sondern um die Grenzenlosigkeit seiner Forderung. Jesus empfiehlt seinem Jünger eine ganz und gar maßlose Bereitschaft zur Vergebung.
Darin schwingt für mich zweierlei mit: Vergebung ist und bleibt Herausforderung; sie ist und bleibt aber genauso eine regelmäßige Überforderung. Wir sagen schnell, diese oder jene Sache sei erledigt. Oft ist es genauso, wie es Anthony de Mello in einer kleinen Geschichte beschreibt: „Warum sprichst du ständig von meinen früher begangenen Fehlern?“, sagt der Ehemann. „Ich dachte, du hättest sie vergeben und vergessen.“ – „Ich habe tatsächlich vergeben und vergessen, aber ich möchte sicher sein, dass du nicht vergisst, dass ich vergeben und vergessen habe.“ Gerade so bleibt Vergebung in ihren Kinderschuhen stecken, ist halbherzig und dazu noch halbehrlich.
Und damit bin ich bei der Überforderung. Wie so oft erklärt Jesus auch diesmal seine Antwort durch ein Gleichnis (Mt 18,23-35). Es geht um einen König, der seinem Diener eine große Schuld erlässt. Natürlich dürfen wir darin ein Bild für die Beziehung Gottes zu uns Menschen erkennen. Eigentlich besteht die Schuld des Dieners darin, die übergroße Vergebung des Königs für sich behalten zu wollen; er ist nicht fähig, Vergebung weiter zu schenken. Wer jetzt vorschnell sagt, das bin ich sicher nicht, ist entweder unehrlich oder ein Heiliger. Ich will ehrlich sein und ziehe den Kopf ein. Und, was soll das bringen? Mit gesenktem Kopf begreife ich einmal mehr, dass ich nicht aus eigener Kraft lebe. Es ist sein Geist, wenn „der Wille zum Frieden den Streit beendet, ... und Rache der Vergebung weicht.“ (Hochgebet um Versöhnung). Wer das erkennt, ist auf dem Weg, Gott zu loben und Ihm zu danken. Ein guter Weg, um Ostern mit der Kirche zu feiern.
Kaplan Marko Dutzschke, Cottbus