29.05.2015

Flucht aus Mazedonien

Wenn Glaube zum Verhängnis wird

Mazedonien gilt als sicheres Herkunftsland. Doch gegen die katholische Minderheit gibt es immer wieder Übergriffe. Sami und Perija Kurtish flohen deswegen nach Deutschland - doch ihr Asylantrag wurde zunächst abgelehnt.

Sami und Perija Kurtish im Wohnzimmer der Familie Hagenow in Rhinow. Foto: kna-bild

Wenn man Sami Kurtish nach seiner Geschichte fragt, öffnet er ein blaues Mäppchen. Heraus holt er die wenigen Dokumente und Fotos, die er aus einem anderen Leben mitgebracht hat. Der Mittfünfziger und seine Frau Perija kommen aus Mazedonien. Sie gehören zur Volksgruppe der Roma - und sind Katholiken. Der Glaube wurde ihnen zum Verhängnis. Wegen ethnisch-religiös motivierter Gewalt ist das Ehepaar nach Deutschland geflohen. 

Im August 2014 hatte es angefangen. Vor der katholischen Kirche in seiner Heimatstadt Skopje war Sami von einer Gruppe Muslime bedroht worden. Zuerst hätten die Männer versucht, den 55-Jährigen für den Islam zu gewinnen. Als Grund dafür sieht Kurtish seinen islamisch klingenden Nachnamen. Da er ablehnte, traten ihn die Männer zu Boden und bedrohten ihn mit dem Tod. Ähnlich war es bei Perija. Als die Hausfrau beim Putzen der Kirche von Muslimen bedroht wurde, traf sie einer der Männer mit einem Axtgriff am Bein. Die Verletzung bereitet ihr heute noch Probleme und muss behandelt werden. 

Sami, der gelernter Schlosser ist, aber bei der Caritas in einem Reintegrationsprojekt für Roma gearbeitet hatte, berichtet schon dort von Hetze gegen ihn als Katholik und Roma. Katholiken sind mit 0,5 Prozent der Bevölkerung eine Minderheit in Mazedonien neben der orthodoxen Mehrheit. Eine katholische Roma-Familie sei in dem Gebirgsstaat auf der Balkanhalbinsel noch seltener, erklärt Sami. Die Volksgruppe bildet mit 2,6 Prozent der Bevölkerung eine Minderheit im Land.
 

Keine politische Verfolgung - kein Asyl

Stadtansicht von Skopje: Kirche neben Moschee
Foto: kna-bild

Sami erinnert sich an bis zu dreizehn Übergriffe bis Ende November. Die Angreifer hätten ihm sogar ins Gesicht uriniert. Daraufhin fasste das Paar einen Entschluss: Anfang Dezember ließen sie ihr Haus, ihre Habseligkeiten und zwei erwachsene Kinder in Mazedonien zurück und brachen nach Deutschland auf. Ihre Tochter lebe bereits in Leipzig, erzählen die Kurtishs. In Chemnitz stellten sie einen Antrag auf Asyl wegen ethnisch-religiöser Verfolgung. Er wurde mit der Begründung abgelehnt, dass Mazedonien ein sogenannter sicherer Herkunftsstaat sei, in dem es keine politische Verfolgung gebe. 

Seit November 2014 hat der Balkanstaat diesen Status. Damit sind Chance auf Asyl für Mazedonier gering. Menschenrechtler fordern mit Blick auf wachsende politische Unruhen im Land und die Diskriminierung von Minderheiten, Mazedonien von der Liste sicherer Herkunftsstaaten zu streichen. Zwischen Mazedoniern und den Minderheiten der Albaner und Roma kommt es immer wieder zu nationalistisch aufgeladenen Konflikten. 

Nun leben die Kurtishs in einem Asylbewerberheim in Rathenow. Wo sich die Region derzeit mit der Bundesgartenschau präsentiert, bewohnen Sami und seine 49-jährige Frau ein kleines Zimmer. Küche und Bad teilen sie sich mit den anderen Bewohnern. Auch in Deutschland gehen die beiden regelmäßig zur Kirche. Dort haben sie Birgit und Uwe Hagenow aus Rhinow kennengelernt; "unsere deutsche Familie", wie sie sagen.
 

Traumata, Furchtattacken, Albträume

Anfang März sei sie in der Kirche auf Sami aufmerksam geworden, da er verzweifelt aussah, erzählt Birgit Hagenow. Inzwischen ist das mazedonische Paar oft bei der Familie und hat sogar einen eigenes Zimmer im Haus. Zeitweise waren Sami und Perija in einer psychiatrischen Klinik, um die durch die Übergriffe und Flucht hervorgerufenen Traumata zu behandeln. Besonders Perija leide unter posttraumatischen Belastungsstörungen, die ambulant behandelt würden. Beide berichten von Furchtattacken und belastenden Träumen. 

Mit Hilfe des Jesuitenflüchtlingsdienstes erheben die Kurtishs nun Einspruch gegen die Ablehnung ihres Asylantrags. Damit das Paar doch noch eine Chance auf Asyl in Deutschland hat, haben die Hagenows vom katholischen Bischof in Skopje eine Bestätigung erbeten, dass Übergriffe auf Christen in Mazedonien nicht ungewöhnlich sind. Die Antwort des Bischofs steht noch aus. 

Noch schlimmer als die ausbleibende Bestätigung sei aber das Gefühl, vergessen zu sein, sagt Sami Kurtish. Er holt ein Foto seines Hauses in der Heimat hervor. "Unser Sohn lebt noch dort, aber niemand aus der Gemeinde hat je nach uns gefragt." Ein Foto ist nicht in dem blauen Mäppchen: das vom Enkelkind. Es wurde vor wenigen Tagen in Mazedonien geboren.

kna