18.08.2011

Immer mehr psychische Krankheiten

Wenn die Lebensfreude schwindet

Beunruhigende Zahlen: 2010 mussten mehr als doppelt so viele Menschen wegen Depressionen und  stimmungsbeeinflussenden Störungen im Krankenhaus behandelt werden als zehn Jahre zuvor.

Immer mehr Menschen werden psychisch krank.

 

Die Symptome sind klar erkennbar: Die Menschen fühlen sich ausgebrannt und erschöpft, was wiederum nicht nur zum Leistungsabfall im Beruf führen kann, sondern sogar zu existenzieller Verzweiflung: Die Sinnhaftigkeit des ganzen Lebens wird infrage gestellt.
Der Psychiater und Psychotherapeut Professor Dr. Wolfgang Weig sieht einen Grund für den Zuwachs an Patienten unter anderem darin, dass es mehr Fachärzte gibt und dass die Menschen zunehmend bereitwilliger werden, eine solche Hilfe anzunehmen: „Die Tabuschwelle ist nicht mehr ganz so hoch.“ Außerdem werde die Bevölkerung immer älter, und manche Störungen träten dann häufiger auf, erläutert der Ärztliche Direktor der Osnabrücker Magdalenenklinik.
Als weitere Ursache nennt Wolfgang Weig gesellschaftliche Veränderungen. In der Arbeitswelt beispielsweise ist der Einzelne mehr gefordert. „Wenn der Unternehmer Arbeitsbedingungen schafft oder Anforderungen stellt, die nicht menschengerecht sind, schafft er sich letztlich einen Bumerang“, gibt er zu bedenken. „Die vermeintliche Leistungsvermehrung schlägt zurück, indem die Mitarbeiter krank werden und lange ausfallen.“ Nicht zuletzt entstünde dadurch ein großer volkswirtschaftlicher Schaden. Außerdem würden die traditionellen Bindungen in der Gesellschaft schwächer, so beispielsweise die Einbindung in die Familie.

Religiöse Orientierung
geht immer mehr zurück

Auch Werte wie religiöse Orientierung seien stark zurückgegangen. Aber die spirituelle Ausrichtung, die religiöse Bindung als Kraftquelle ist keine absolut zuverlässige Hilfe. So klagen etwa Priester über zunehmende Vereinsamung. Die Verwurzelung in der Gemeinde ist nicht mehr so fest wie noch in früheren Zeiten; eine zunehmende Arbeitsverdichtung durch das Zusammenlegen von Gemeinden und weitere strukturelle Veränderungen verstärken das Problem. Um aus diesem psychischen Tief herauszukommen, rät Weig, mit Fachärzten oder Psychotherapeuten zu sprechen. Angehörige oder Freunde könnten da wenig ausrichten, sie seien „zu dicht dran an den Problemen“. Er nennt „vier Dimensionen“, die er in solchen Fällen anbietet: Zunächst gehe es um ein Gespräch über die Probleme des Ratsuchenden, über seine Konflikte. In einer wirklich schweren depressiven Situation brauche der Patient aber Medikamente, um aus dem Allerschlimmsten rauszukommen, den Kopf wieder klarzukriegen. Drittens bedürfe es einer Klärung seines sozialen Umfelds, seiner Lebenssituation, also einer Analyse dessen, was belastend ist. „Und die vierte Dimension für uns in einer kirchlichen Klinik ist die spirituelle: dass wir die Kräfte stärken, die jemand finden kann im gemeinsamen Gebet, in der seelsorgerlichen oder geistlichen Begleitung.“

Michael Dorndorf