13.11.2014

Anstoß 46/2014

"Wenn das Licht in die Dunkelheit kommt"

Im Landtag von Sachsen-Anhalt hängt derzeit eine Ausstellung. „Magdeburg 89“ ist sie benannt und zu sehen sind Fotos, die der Fotograf Dieter Müller in den Tagen der Friedlichen Revolution heimlich schoss.

Wenn ich die Bilder sehe, wird es mir warm ums Herz, denn Dieter Müller gelingt es scheinbar mühelos, die Stimmung der Herbsttage 89 nicht nur schwarz-weiß wiederzugeben, sondern ins heute hinüber zu retten. Es war eine spannende Zeit mit Gefühlen zwischen Angst und Euphorie. Und nichts passte besser zu dieser Gefühlslage wie die Kerzen, die in der Dunkelheit den Weg leuchteten.
Ein Foto zeigt Verkehrspolizisten, an denen der Zug der Tausenden friedlich vorbeizieht. Vor ihnen stehen Kerzen und beide wirken sehr gelöst. Die Geschichte hinter dem Bild ist ein schönes Bild für Entspannung und die eigenartige Stimmung dieser vergangenen kurzen und besten Zeit der DDR. Als der Demonstrationszug auf die Polizisten zulief, die nur die Aufgabe hatten, den Verkehr zu stoppen und die Demonstranten gut vorbei zu lassen, war das alles andere als DDR-Normalität. Ein Polizist war zuallerst ein Staatsdiener und diesem Staat sollte es gerade friedlich an den Kragen gehen. Und viele sahen Polizisten mit gemischten Gefühlen. In dieser Situation ging eine Frau auf die Polizisten zu und gab ihnen ihre Kerze. Und ein zweiter Demonstrant machte es ihr nach. Überrascht nahmen die Ordnungshüter die Kerzen in die Hand und regelten mit diesen den Verkehr. Und die Demonstranten applaudierten. Es ist ein schönes Bild, „Licht in die Welt zu bringen“. Wer das 1989 erlebt hat, wird es wohl nie vergessen.
Die Wunder von 1989 sind ohne solche Momente nicht zu denken. Momente, in denen die Gewalt ohnmächtig von der Freundlichkeit der Protestierenden ihrer Macht beraubt wird. Auf Polizisten mit Knüppeln und Schlagstöcken wurde vielerorts mit Blumen und Liedern reagiert. Der gewaltige Ruf „keine Gewalt“ zog nach den brutalen ersten Oktobertagen 1989 seinen Siegeszug durch die Straßen der kleinen DDR an.
Den Fotografien Dieter Müllers gelingt etwas, das eigentlich kaum fotogafisch festzuhalten ist. Sie zeigen, wie ganz zart Licht in die politische Dunkelheit hereinbricht. Die Ausstellung „Magdeburg 89“ ist noch bis zum Dezember im Landtag von Sachsen-Anhalt in Magdeburg zu sehen.  

Von Guido Erbrich, Biederitz