06.01.2015

Wen meint Johannes mit „der Prophet“?

Im Evangelium des dritten Adventssonntags heißt es an zwei Stellen „der Prophet“ (Johannes 1,21.25), in einer Art, die offensichtlich unterstellt, dass jeder weiß, wer das ist.
Im Islam wäre ja klar, dass das nur einer sein kann – aber bei uns einschließlich des Judentums? W.S., Dresden

In dem Johannesevangelium, das Sie meinen, wird Johannes der Täufer von Jerusalemer Theologen, Priestern und Leviten gefragt: „Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein“ (1,21).

Stünde der Text im Matthäusevangelium, läge es nahe zu sagen: Jesaja. Er ist der jüdische Prophet, der im Neuen Testament am häufigsten zitiert wird. Gerade Matthäus findet
bei Jesaja viele Aussagen, die helfen zu verstehen, wer Jesus von Nazaret ist und welche Bedeutung er hat.

Bei Johannes nun ist nicht Jesaja gemeint; der Täufer nennt diesen ja eigens in seiner Antwort. Zuvor antwortet der Täufer nur, er sei nicht der Messias, also der damals von vielen erwartete Retter Israels. Daraufhin fragen die Gesandten, ob er einer der anderen endzeitlichen Heilsbringer sei, die vor oder mit dem Messias erwartet wurden: Elija oder „der Prophet“.

Wer genau der endzeitliche Prophet sein würde, darüber gab es unterschiedliche Vorstellungen. Viele Juden dachten dabei an Gottes Verheißung an Mose: „Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen“ (Deuteronomium 18,18).

Deswegen ist „Prophet“ für den Evangelisten Johannes eine von mehreren zutreffenden Charakterisierungen Jesu Christi. Später schreibt er noch einmal, die Menschen dachten, Jesus sei „der Prophet, der in die Welt kommen soll“ (6,14). Mit der Szene am Jordan (1,19–28) will der Evangelist nur klären, dass der Täufer nicht der erwartete Heilsbringer ist.

Roland Juchem