04.09.2014

Anstoß 36/2014

Weiter träumen

Es gibt Wünsche, die sind so vermessen, dass der Glaube an ihre Erfüllung wie ein Hirngespinst daherkommt. Oder wie ein schöner Traum, der sich zwar mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erfüllen, dessen ungeachtet dennoch weiter geträumt wird.

Und dann kommt manchmal der Ausruf von den Nichtträumenden, den Realisten: „Träum weiter!“ Etwa von Eltern, deren pubertierende Tochter verkündet, dass sie eigentlich nicht mehr zur Schule gehen müsse, weil sie sowieso mal ein berühmtes Model wird und damit auch sehr reich. Oder wenn der vierjährige Dreikäsehoch wortreich erklärt, dass er von nun an nicht mehr nach dem Sandmännchen schlafen geht, sondern erst, wenn seine zehn Jahre ältere Schwester ins Bett muss: „Träum weiter!“
In diesen zwei Worten schwingt eine ganze Menge von nicht-wirklich-ernst-genommen-werden mit: dieser Ausruf hat den Beigeschmack von „vergiss es!“ und auch ein bisschen Belustigung ob der absonderlichen Vorstellungen.
„Träum weiter!“ – das ist auch das diesjährige Thema der Erfurter Bistumswallfahrt, die in zwei Wochen stattfindet. Nein, dieses Motto ist nicht die Antwort auf die kühne Vorstellung manch eines Thüringer Katholiken, dass das Bistum, wenn schon nicht bei der letzten, so doch bei der diesjährigen Wallfahrt einen neuen Bischof hat. „Träum weiter!“ – dieses Motto beruht auf dem ersten Vers des Psalms 126, wo es heißt: „Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende“.
Vor 25 Jahren wurde genau dieser Vers sehr oft zitiert, als über Nacht die Mauer fiel. Das war ein von vielen ersehntes, über Jahrzehnte erbetetes, aber von allen kaum für möglich gehaltenes Ereignis. Da waren wir wirklich wie die Träumenden, taumelnd vor Freude, aber auch Nicht-fassen-können, was da geschah.
„Träum weiter!“ – dieser Ausruf kann in mehrfacher Hinsicht ein Motto sein. Zum einen: Sei mutig zu träumen und nicht nur an dem Ist-Zustand festzuhalten. Nicht jeder Ist-Zustand ist so, dass man sich mit ihm zufrieden geben darf. Es braucht den beflügelnden Traum, und dann natürlich das konkrete Handeln, wenn sich etwas verändern soll. „Träum weiter!“ ist für mich aber auch als Horizonterweiterung  zu verstehen. Träume nicht nur von Menschenmöglichem, nein, träume weiter. Strecke dich nach dem aus, was Gott verheißen hat. Rechne mit seiner Allmacht, die alles vermag.

Von Andrea Wilke, Erfurt