07.05.2014

Anstoß 19/2014

Weil Sie soviel Zeit haben

„Jetzt noch bestellen und rechtzeitig beliefert werden.“ Ich brauche keinen Eintrag im Kalender und auch keinen Knoten im Taschentuch, damit ich an den Muttertag denke.

Ob mit der Post oder im Internet, überall weisen mich Angebote zum Muttertag darauf hin, dass es wieder soweit ist. Bei einem Jugendkurs habe ich gefragt, warum wir eigentlich einen Muttertag feiern sollen. Darauf antwortete mir ein junges Mädchen ohne lange zu überlegen: „Na wir ehren die Mütter, weil sie immer so viel Zeit für uns haben.“ Als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre.
Wenn ich daran denke, wie seit einiger Zeit über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert wird, habe ich den Eindruck, man müsste jeder Mutter allein schon dafür danken, dass sie den Mut hatte, ein Kind zu bekommen.
Um nicht falsch verstanden zu werden, ich bin froh, dass sich junge Mütter und Väter heute eine Elternzeit nehmen können. Freunde nutzen gerade die Möglichkeit, die Elternzeit zu teilen und eine Zeitlang intensiv mit der Familie zu verbringen. Ich glaube auch, dass es gut und wichtig ist, Kindergartenplätze weiter auszubauen. Und die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig hat Recht, wenn sie fordert, in unserem reichen Land die Wochenarbeitszeit für Eltern auf 32 Stunden zu senken, damit Eltern mehr Zeit für ihre Kinder und die Familie haben.
Aber ich glaube auch, dass es ein Fehler ist, von Kindern wie von einem Problem zu sprechen, für das die Gesellschaft eine Lösung finden muss. In Statistiken werden Kinder als Armutsrisiko und Karrierekiller ausgewiesen. Parteien und Politiker sprechen von „einer Investition in unsere Zukunft“. Folgerichtig fällt dem Staat die Aufgabe zu, für diese Investition Mittel bereit zu stellen und dafür zu sorgen, dass niemand für Kinder auf berufliche Chancen verzichten muss.
Geht das? Ich glaube es nicht. Kinder und Karriere kann man nicht verbinden, ohne Abstriche zu machen. Etwas bleibt immer auf der Strecke und wenn es das Familienleben ist, für das nach zehn Stunden Arbeit nicht mehr viel Zeit bleibt.
Darum kommt es darauf an, wie wir von Kindern sprechen, sie sehen und mit ihnen umgehen. Sie sind keine Investition und auch kein Luxusgut. Kinder zu bekommen, gehört zum Wesen des Menschen. Mutter und Vater zu werden, gehört zur Menschwerdung dazu. Aus biblischer Sicht sind Kinder der Weg, wie aus Geschöpfen Schöpfer werden, die an Gottes Kreativität teilhaben. Darum sind Kinder „Gabe des Herrn“, wie es in Psalm 127 heißt.
Wenn Eltern ihre Kinder so sehen können, werden sie dafür Abstriche in Kauf nehmen. Und Kinder werden solchen Eltern dankbar sein. Das Mädchen aus dem Jugendhaus hat ganz Recht: „Wir ehren die Mütter, weil sie immer so viel Zeit für uns haben.“ Und weil das heute selbstverständlich für Mutter und Vater gilt, sollten wir den guten alten Muttertag vielleicht lieber Elterntag nennen. Für alle Mütter und Väter, die Abstriche in Kauf nehmen, um für ihre Kinder da zu sein. Ich habe solche Eltern und bin ihnen dankbar dafür.

Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus