27.04.2017

Anstoss 17/2017

Weil sie einfach dazu gehören

Es war eine kleine Sensation, die neulich im französischen Fernsehen lief. Die Wetter-Moderation übernahm eine junge Frau mit Down-Syndrom. Danach redete ausnahmsweise keiner übers Wetter, sondern viele fanden es gut, dass so etwas möglich ist.


Die Einundzwanzigjährige Mélanie Ségard  hat das gut gemacht und selbstverständlich alle wichtigen Informationen geliefert, die es beim Wetterbericht braucht. Augenscheinlich hatte sie sogar Freude an dem Job. Leider war diese Aktion eine Ausnahme, aber immerhin ist sie ein guter Anfang. Und es ist bitter nötig, behinderte Menschen ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.
In Statistiken kann man lesen, dass 90 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom heutzutage abgetrieben werden. Zu der erschreckenden Zahl kommt, dass sie faktisch nicht einmal stimmt. Sie stimmt für Frauen, die sich in der Schwangerschaft pränatal untersuchen lassen und dann vor eine Entscheidung gestellt werden: „Will ich das Kind, oder will ich dieses Kind nicht“. Oft sind es Ärzte, die dann zur Abtreibung raten.
Die angebliche 90 Prozentzahl vergisst, dass es viele Mütter und Väter gibt, die bei weitem nicht alle Untersuchungsmöglichkeiten in der Schwangerschaft in Anspruch nehmen. Viele von ihnen, weil sie die Kinder, die kommen, ohnehin so annehmen wollen, wie sie sind. Und die sich nicht in der Rolle eines Richters über Leben und Tod sehen.
 Jeder Mensch, jedes Kind ist einzigartig und kann seine eigenen Fähigkeiten entwickeln. Das gilt für Menschen mit Behinderung gleichermaßen wie für diejenigen, die als gesund gelten.
Mich würde es freuen, wenn Menschen mit Behinderung selbstverständlich in unserer Gesellschaft agieren und nicht als Ausnahme oder gar als ein Unfall gelten. Dann kann ich bei einer Wetter-Moderatorin mit Down-Syndrom aufs Wetter achten und nicht auf das fehlende Chromosom. Weil Menschen mit Behinderung zur alltäglichen Normalität einfach dazugehören.

Guido Erbrich, Roncalli-Haus in Magdeburg