25.01.2016

Was soll das heißt: "Gezeugt, nicht geschaffen"?

Über Jesus heißt es: „gezeugt, nicht geschaffen“. Da Jesus Gott ist, war er immer da und kann somit weder gezeugt noch geschaffen sein. Wie kann man diesen Widerspruch erklären? T. L., per E-Mail

Die Frage, die Sie stellen, ist eine der Fragen, die die Christenheit in ihren ersten Jahrhunderten mit viel Engagement und Streit zu ergründen, verstehen und formulieren versuchte.

Der Satz im „Großen Glaubensbekenntnis“ von 325/381 lautet vollständig: „Wir glauben … an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater …“ Letztlich ging es um die Frage: Was bedeutet es, wenn „Gott Mensch wird“?

Für die ersten jüdischen Jünger Jesu hat der Mann aus Nazaret so sehr Gott verkörpert, dass er Gottes Sohn sein musste. Als dieser Glaube sich im Römischen Reich und seinen Kulturen verbreitete, musste er sich deren Philosophien und Weltvorstellungen stellen. Und die wollten genauer wissen, wie es um das Verhältnis zwischen Jesus Christus und Gott stand, inwieweit es um „Vater und Sohn“ geht – und das alles, ohne das einzigartige jüdische Bekenntnis zu einem einzigen Gott anzutasten.

Dass Jesus Christus und Gott(vater) nicht völlig dasselbe sind, war immer klar. Aber wie hat Gott den Sohn gezeugt? Und wann? Oder hat er ihn adoptiert? Oder geschaffen wie die übrige Schöpfung? Die Liste der Fragen ließe sich fast endlos fortsetzen.

Mit den Worten „gezeugt, nicht geschaffen“ haben die Theologen des Konzils von Nizäa (325) gegen die damals verbreitete Auffassung des Arianismus entschieden. Der Arianismus meinte, „der Sohn Gottes [sei] aus nichts“ und „aus einer anderen Substanz oder Wesenheit“ als der Vater. 

Dagegen hielt das Konzil fest: Christus ist nicht erschaffen wie alle anderen Geschöpfe, sondern er ist Gott wesensgleich. Und da er Gottes Sohn ist, wurde er gezeugt – wenn auch nicht biologisch.

Das geschah „vor aller Zeit“, wie der Glaubenssatz beginnt und wie das Johannesevangelium bekennt: „Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott.“

Von Roland Juchem