22.02.2016

Warum sollen Menschen sich nicht bekehren?

Ich hatte kürzlich in der Messe große Probleme mit dem Evangelium: „Sehen sollen sie, aber nicht erkennen, hören sollen sie, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.“ (Mk 4,12). Warum sollen sie sich nicht bekehren und soll ihnen nicht vergeben werden? A. B., 01796 Struppen

Der Satz, der Sie zu Recht irritiert, stammt nicht von Jesus selbst, sondern ist ein Zitat aus dem Buch Jesaja (6,9) und ist Teil der Gottesvision, in der Jesaja zum Propheten berufen wird. In der Wissenschaft wird der Abschnitt „Verstockungsbefehl“ genannt: Gott sendet Jesaja zu seinem Volk – doch gleichzeitig sagt er: „Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen“ (6,10).

Auch hier haben (auch jüdische) Bibelwissenschaftler immer gerätselt, was das soll. Eine Antwort: Diese Sätze sind im Nachhinein in den Text geraten als Erklärung, warum das Volk Israel besiegt, Jerusalem zerstört und die Oberschicht in die „babylonische Gefangenschaft“ geschickt wurde: als Strafe für seine Verstockung und weil sie nicht auf die Propheten gehört haben. 

Wie aber kommt Jesaja nun ins Markusevangelium? Dazu muss man wissen, dass Markus ein sogenannter „Judenchrist“ war, der wohl in Jerusalem aufgewachsen ist. Er interessiert sich ganz besonders für die Frage, warum das Volk Israel die Botschaft Jesu nicht angenommen hat und ist enttäuscht von seinem Volk. Für ihn wird, wie der Exeget Joachim Gnilka schreibt, unter Israels Geschichte „ein Schlussstrich gezogen: Die Vergebung ist verwirkt; an Israels Stelle ist die Gemeinde Jesu getreten“. Das passt zu der Beobachtung, dass bei Jesaja kurz nach dieser Stelle der berühmte Satz folgt: „Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären ...“ (Jesaja 7,14).

Für den Evangelisten Markus erfüllt sich zur Zeit Jesu, was Jesaja verheißen hat: die Verstockung des Volkes Israel – und er erklärt sie sehr radikal: Gott will sein Volk nicht mehr, es gibt ein neues Gottesvolk: die Gemeinde Jesu. Joachim Gnilka schreibt der Gemeinde des Markus deshalb ein „elitäres Bewusstsein“ zu. Ob Jesus es auch gehabt hat? In der Lukasfassung der Geschichte (Lk 8,9-10) klingt er jedenfalls milder.

Von Susanne Haverkamp