26.01.2015

Warum bleibt man beim Gabengebet sitzen?

Bei der Gebetsaufforderung „Lasset uns beten“ stehen in der Messe viele auf. Beim Gabengebet soll man aber sitzen bleiben. Warum? W. U., Osnabrück

 

Stehen ist die Gebetshaltung der Christen. Viele Zeugnisse aus der Frühzeit des Christentums belegen dies. Man kniete nicht, man warf sich nicht nieder – man stand aufrecht. Das Konzil von Nizäa (325) hat sogar das Knien am Sonntag verboten. Und im Zweiten Hochgebet heißt es: „Du hast uns berufen, vor dir zu stehen und dir zu dienen.“ Im Laufe der Kirchen- und Liturgiegeschichte hat sich manches anders entwickelt. So verfolgt die Messe einen bestimmten Rhythmus – und das berührt die angesprochene Frage.

Abgesehen davon, dass in der Messe überhaupt viel gebetet wird – von Einzelnen und in Gemeinschaft – gibt es drei „Vorstehergebete“, Orationen genannt, die mit der alten Formel „Lasset uns beten“ („oremus“) eingeleitet werden. Sie sind nach bestimmten sprachlichen und theologischen Prinzipien aufgebaut und haben oft den Sinn, einen bestimmten Teil der Messe zusammenzufassen und abzuschließen. 

Etwa das Tagesgebet: Es schließt den Eröffnungsteil der Messe ab. Dabei soll der Priester alle zum stillen Gebet einladen und nach der Formel „Lasset uns beten“ eine kurze Gebetsstille halten, bevor er die Gebete im Namen aller zusammenfasst. Da während der gesamten Eröffnung die Gemeinde steht, ist es selbstverständlich, dass sie auch hier steht.

Das angesprochene Gabengebet ist ebenfalls ein Abschluss – nämlich der Abschluss der Gabenbereitung, bei der durch verschiedene Zeichen und Riten die Gaben von Brot und Wein dargebracht werden. Das Gabengebet fasst dieses Geschehen zusammen, und weil während der gesamten Gabenbereitung die Gemeinde sitzt, sitzt sie auch beim abschließenden Gebet. 

Dass man bei diesem Gebet sitzt und bei anderen steht, hat also nichts mit der Bedeutung des Gebets zu tun, sondern allein mit der „Position“ innerhalb der Messe und der dort geübten Körperhaltung.

Von Susanne Haverkamp